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H. W. Mommers: Die Legende von Eden und andere Visionen

10.11.2005

Sci-Fi zwischen Kritik und Humor

"Die Legende von Eden" ist der zweite Band aus der jährlichen Visionen-Reihe, die Erzählungen deutscher Autoren des fantastischen Genres enthält. Angesichts der geringen Publikationsmöglichkeiten für Science Fiction-Kurzgeschichten leisten der Herausgeber Helmuth W. Mommers und der engagierte Shayol Verlag einen kleinen, aber wichtigen Beitrag für das Genre.

 

Im Vordergrund der Anthologie stehen gegenwartsbezogene Themen, die je nach Zielsetzung extrapoliert werden. Die insgesamt 13 Autoren legen vor allem dystopische Zukunftsentwürfe vor, deren Wurzeln in der Gegenwart liegen. Die Medien oder der Fremdenhass gehören zu den diskutierten Themen. Daneben finden sich auch humorvolle Geschichten und ein Weltraumabenteuer Eingang in die Anthologie.
Rainer Erler treibt mit "An e-Star is born" die Möglichkeiten virtueller Persönlichkeiten auf die Spitze. Stars, die sich als schwierig erweisen, können durch computergenerierte Bilder vollständig ersetzt werden, wie es bereits schon geschehen ist. Bei der vollständigen Umsetzung der technischen Möglichkeiten, so Erlers satirisches Vorgehen, bleiben die realen Stars auf der Strecke, während das Publikum umso mehr der neuen Unterhaltung zugeneigt ist.

Wahn der Unterhaltungsbranche

Den Unterhaltungswahn nimmt auch Andreas Gruber aufs Korn. "Weiter oder Raus" nennt er seine Spielshow, bei der nur das Aufgeben die Rettung vor körperlichen Amputationen bedeutet. Alle anderen Kandidaten nehmen die körperlichen Qualen in Kauf, nur in der Hoffnung auf den Millionengewinn. Gruber führt die Idee der extremen Spielshows weiter. Die eigene Existenz spielt angesichts des Geldgewinns nur noch eine untergeordnete Rolle.
„Was wäre gewesen, wenn...“ ist als Alternativwelt der Science Fiction zugehörig und sicherlich stellt sich mancher Historiker diese Frage, wie bereits Carl Amery meinte. Bei Oliver Henkel spielt die rechte Partei nur noch eine regionale Rolle, stets auf unzufriedene Wähler schielend. Aber in "Hitler auf Wahlkampf" wächst die Volkswirtschaft und irrationale Vorurteile können auf einen zurückfallen. Die Wahlkampftour in einer amerikanischen Provinz Preußens wird durch einen verliebten Übersetzer durchkreuzt, der Hitlers Machtvorstellungen überdrüssig ist.

Wahrhaftig kafkaesk geht es bei Tobias Bachmann zu. "Die fehlende Stunde" ist ein Labyrinth zwischen Realität und Illusion, mit Anklängen an Kafkas "Das Schloß". Demgegenüber ist "Planck-Zeit" von Michael K. Iwoleit eine naturwissenschaftliche Überlegung zu den kleinsten Teilchen der Materie. Und gesellschaftskritisch diskutiert mit 2 hoch 64 Marcus Hammerschmitt die Gleichgültigkeit gegenüber der Umweltzerstörung, bis die Natur horrorhaft anfängt sich zu wehren.

Fantastischer Humor

Dass es in der Fantastik auch humorvoll zugehen kann, beweist Andreas Winterer. "Cosmo Pollite und der Zwischenfall im InterStellar Express" ist ein Geiseldrama par excellence, in dem die Roboter von Bot-Power die Freiheit für ihresgleichen, Mixer, Aufzüge und Toaster fordern. Hinzu kommt eine Hommage an Actionfilme wie "Stirb langsam".
"Die Legende von Eden" ist schließlich ein Versprechen, dass es über den Tod hinaus Leben gibt. Frank Haubold kombiniert Space Opera mit Träumen nach einem besseren Leben, das sich zwischen den Sternen bietet, weit weg von den irdischen Intrigen.

Die Autoren der Anthologie zeigen, dass sie mit wachen Augen durch die Welt gehen. Zum Teil wäre aber eine sorgfältigere Ausarbeitung notwendig gewesen, statt nur auf die Pointe zuzusteuern. Die Bandbreite der Themen und deren Aktualität beweisen andererseits die große Relevanz deutscher Fantastik, die sich hinter der angelsächsischen nicht zu verstecken braucht. Die unterhaltsamen Geschichten werden durch kritische Töne untermauert. Gerade die Weiterführung bestehender gesellschaftlicher Entwicklungen oder deren satirische Übertreibung macht den Gewinn der Anthologie aus.

Ulrich Blode


Helmuth W. Mommers (Herausgeber). Die Legende von Eden und andere Visionen.
Berlin: Shayol Verlag, 2005.
ISBN 3-926126-52-3

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