Christoph Hein: Landnahme
13.11.2005
Jetzt als Taschenbuch erschienen!
Mit dem Kopf durch die Wand
Christoph Heins Roman "Landnahme" lässt ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte von den Gründerjahren der DDR bis zur Nachwendezeit auferstehen und ist eindringlicher als jedes Geschichtsbuch.
Bernhard Haber hatte ausgesprochen schlechte Startvoraussetzungen, als er 1950 mit seinen Eltern aus Breslau in die fiktive sächsische Kleinstadt Guldenberg kam. Als Zwangsvertriebener wurde er in der Schule wie ein Aussätziger behandelt, hinter vorgehaltener Hand nannten ihn die Mitschüler "Polacke" und "Holzwurm", und Lehrer Voigt brachte ihm bei, dass er nicht aus Breslau, sondern aus Wroclaw stamme. Seine Familie war im neuen Umkreis unerwünscht; die Stimmung, die wir schon aus Reinhard Jirgls letztem Roman Die Unvollendeten kennen, schwankt zwischen offener Aggression und kühler Ignoranz. Christoph Heins Protagonist hat es trotzdem geschafft, sich durchzusetzen, latente Mauern der Feindseligkeiten einzureißen, sich mit dem zunächst sozialistischen, dann kapitalistischen Filz zu arrangieren und schlussendlich sogar an die Spitze des städtischen Karnevalsvereins vorzustoßen.
Ein halbes Jahrhundert deutsche Geschichte - von den Gründerjahren der DDR bis in die turbulente Nachwendezeit - breitet Christoph Hein, der im April seinen 60. Geburtstag feiert, vor den Lesern aus - erzählt aus fünf verschiedenen Perspektiven. Dass er dabei aus der eigenen Biografie schöpfen konnte, steht außer Frage. Wie seine Romanfigur Bernhard Haber kam Christoph Hein als Kind aus Schlesien nach Sachsen und wuchs in Bad Düben (30 km nordwestlich von Leipzig) auf: einem Ort, der - wie das fiktive Guldenberg - am Flüsschen Mulde liegt, das durch das schreckliche Elbhochwasser traurige Berühmtheit erlangte.
Autobiografischer Quell
Beschaulich und so wenig aufregend und abwechslungsreich wie das Leben in der Provinzstadt ist auch Christoph Heins Sprache. Seine Distanz zu den Erzählfiguren ist beträchtlich, in den Dialogen blitzt allerdings immer wieder der begnadete Dramatiker auf. Wegbegleiter des Protagonisten kommen als Ich-Erzähler zu Wort und beleuchten unterschiedliche Etappen in Bernhard Habers Leben - sein Mitschüler, der Apothekersohn Thomas Nicolas, seine einstige Banknachbarin Marion Dermutz, flüchtige Liebschaft und spätere Friseuse, seine lebenslustige Schwägerin Katharina Hollenbach, der Sägereibesitzer Sigurd Kitzerow und Peter Koller, mit dem Haber illegale, aber einträgliche Geschäfte machte.
Wie hat es nun dieser Bernhard Haber, der ein schlechter Schüler und ein schweigsamer Teenager war, geschafft, sich doch irgendwie durchzuboxen? Ist aus ihm ein Opportunist geworden? Ein skrupelloser Geschäftemacher? Ein besessener Egoist? Oder trieb ihn der Ehrgeiz, es einmal besser haben zu wollen als sein Vater, bisweilen zur Rücksichtslosigkeit?
"Ich habe die Schule bestanden, ich habe eine gute Arbeit, und jetzt werde ich es allen zeigen", bekannte der Protagonist, als er seine Lehrstelle als Tischler antrat. Tischler war auch Bernhards Vater, der von allerlei Schicksalsschlägen aus der Bahn geworfen wurde. Als er aus Breslau nach Sachsen kam, war er ein Doppelt-Benachteiligter; der Krieg hatte ihm einen Arm und die Heimat genommen. Wenig später stand seine Werkstatt in Flammen, in der Stadt war von Brandstiftung die Rede, ohne dass ernsthaft nach potenziellen Tätern gefahndet wurde. Am Ende stirbt der alte Haber auch eines unnatürlichen Todes. Da hatte sich Bernhard schon längst mit seinem Vater entzweit und es auf zweifelhafte Weise zu einem stattlichen Reichtum gebracht. Nach seiner Tischlerlehre war er zunächst als Schausteller durch die Lande gezogen, und dann betätigte er sich zusammen mit Peter Koller als Fluchthelfer, der zahlungskräftige DDR-Bürger in den Westen schleuste.
Zerrissener Protagonist
Das Pech der Familie scheint der alte Haber aufgebraucht zu haben, denn auf Bernhards Lebensweg reihen sich etliche glückliche Fügungen aneinander. Koller wurde erwischt und musste für fünf Jahre ins Gefängnis, während sich Haber mit dem Geld in seiner Wahlheimat Guldenberg niederließ, heiratete, eine Tischlerei eröffnete und peu à peu zu einem angesehenen und respektierten Bürger wurde. Schützenhilfe leistete dabei vor allem der Sägereibesitzer Kitzerow, der ihm den Weg in einen honorigen Kegelclub ebnete, in dem nicht nur die Lokalpolitik, sondern auch alle städtischen Geschäfte verhandelt wurden. Doch die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Eine bittere Erfahrung, die auch Bernhard Haber machte, als sein Sohn Paul ein ausländisches Kind verprügelte.
"Bernhard war so einer. Mit dem Kopf durch die Wand, das war genau sein Fahrplan für das Leben", beschreibt ihn die ehemalige Mitschülerin Marion Dermutz äußerst treffend. Wäre Haber ein Fußballer, würde man ihm Kampfgeist und Zweikampfstärke attestieren und ihm manches "moralische" Foulspiel nachsehen. Doch so lässt dieser in sich so widersprüchliche Protagonist den Leser mit höchst ambivalenten Gefühlen zurück. Man pendelt zwischen Bewunderung und Abneigung. Bernhard Haber ist kein idealtypischer "Held", aber wahrscheinlich war es gerade diese innere Zerrissenheit, die - bedingt durch die Zeitläufe - von Biegungen und scharfen Kurven geprägte Lebenslinie, die Metamorphose vom Verlierer- zum Siegertyp, die Christoph Hein fasziniert hat.
Diese fünf Erzählmosaike über Bernhard Haber fügen sich zu einem großen erzählerischen Geschichtsbuch. Mehr kann Literatur kaum leisten.
Peter Mohr
Christoph Hein: Landnahme. Roman. Suhrkamp Verlag, November 2005. Taschenbuch. 382 Seiten. 10,00 Euro. ISBN:3518457292
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