Mareike Krügel: Die Tochter meines Vaters
13.11.2005
Alles in einem
Sind Namen nur Schall und Rauch? Mitnichten! Sie geben uns einen Ort, laden unser Dasein mit Bedeutung auf. Erst recht, wenn sie nachträglich geändert werden und aus Felizia Felix wird. Felix Lauritzen.
Einen Felix wünscht sich durchaus der Vater, von Beruf Bestatter, mit seiner kleinen, dreiköpfigen Familie hinzugezogen ins frisch erbaute Wohngebiet neben dem Kleinstadtkern. Gestorben wird hier noch eher selten. Und wenn, dann wird meist der angestammte Bestatter gerufen, der seit Jahren im Geschäft ist und einfach zum Ort gehört wie die Bushaltestelle, die Schule oder eben der Friedhof. Doch alles wird sich ändern, sollten die in den umliegenden Häuser Wohnenden und sich am Leben Erfreuenden erst einmal in die Jahre kommen. Dann wird man einen zweiten Bestatter brauchen und so gilt es recht langfristig das entsprechende Vertrauen aufzubauen, will man sie später auf ihrem allerletzten Wege begleiten. Als Dienstleiter, aber als einer mit Herz. Dass auch für ihn die Zeit dann ebenfalls bald um sein wird, darüber macht sich der Herr Bestattet keine Illusionen. Wird doch dann Felix zur Stelle sein. Vielmehr: Felizia. Keine Frage. Noch aber feiert man die Einweihung des Hygieneraums mit Kühlzelle für zwei unten im Keller, so wie andere Familien das bestandene Abitur oder die Konfirmation. Ganz heimelig mit Orangensaft und Plätzchen.
Tarot statt Sargbekleidung
Jahre später scheinen sich die Dinge irgendwie anders entwickelt zu haben. Felizia wohnt allein in der fernen Stadt und verdient sich ihren recht bescheidenen Lebensunterhalt mit dem Legen von Tarotkarten, wobei sie es gerne den in der Regel leicht verwirrten, wenn auch wissensdurstigen Klienten überlässt, sich selbst zusammen zu reimen, was ihnen da in naher wie ferner Zukunft blühen könnte. Selbst ist sie oft nicht weniger durcheinander und gelegentlich von der lebenspraktischen Art, die etwa eine Bestatterin auszeichnen würde, weit weit entfernt. Die Liebe! Ach ja. Da gibt es einen recht seltsamen Nachbarn, der manchmal bei ihr vorbei schaut und den sie gewähren lässt. Da gibt es eine Art Freund, der gelegentlich einen Schlafplatz benötigt und dem sie sich gleichfalls kaum entgegen stellt und der den assoziativ mehr als untergründigen Namen Kohlmorgen trägt. Doch beide sind nichts gegen den Fremden, der ihr als Gary Grant aus Film und auch Fernsehen vertraut ist, dem sie nachspioniert und nachläuft und der im tatsächlichen Leben eine Wohnung mit Balkon hat und einen profanen Namen trägt: Schmidt nämlich. Malte Schmidt. Und die Dinge geraten immer mehr ins Rutschen bis am Ende das große Aufräumen bevorsteht; eines bei dem trotz allen Schmerzes nichts anderes bleibt als in die Hände zu spucken, so wie wenn man ein Wohnhaus betritt, in dem ein Verstorbener eine vollgestellte Wohnung hinterlassen hat und doch jemand einziehen möchte.
Abschied von dem Vater
Die Hamburger Schriftstellerin Mareike Krügel setzt in ihrem zweiten Roman auf eine gelungene Mischung aus Witz, Komik und solider Ernsthaftigkeit. Und damit bietet sie vieles zugleich: Einen Kindheitsroman, wie man ihn niemals müde wird, erneut und erneut zu lesen, thematisiert er nur gut die Fallstricke wie Erlebnisse der ersten bewussten Jahre, die man als Erwachsener möglichst schnell zu vergessen trachtet, müsste man doch sonst endlich einmal Konsequenzen aus den erlittenen Kränkungen ziehen. Auch die Vorstadtprovinz bekommt ihr Fett ab, erhebt sich vor uns in beige- und ocker-Tönen mit ihren Häuschen und unbeleuchteten Straßenecken und neugierigen Nachbarschaften, wissend dass nur die Flucht kurzzeitig Erleichterung bringt. Nicht zuletzt ein Entwicklungsroman bündelt sich, der davon erzählt, dass es durchaus lohnt, erwachsen zu werden, will man nicht dass sich die Spätpubertät auch noch ins vierte Lebensjahrzehnt erstreckt. Und nicht zuletzt lesen wir einen anrührenden Vater-Tochter-Roman, wo es doch – gleichfalls ein Stoff, der nie ausgehen wird – so viele Vater-Sohn-Romane gibt. So bleibt man stets am Ball, liest Seite nach Seite, taucht mal mit ein in die Vergangenheit, wechselt in die Gegenwart, verfolgt den so spießigen wie bewegenden Versuch mittels des gebändigten Todes wenigstens in seiner kleinen Welt sozial aufzusteigen und am Ende möchte man endlich mit hinabsteigen in den Hygieneraum und selbst mit der Hand über das blanke Metall fahren und auf den schauen, der da liegt, bereit seiner letzten Wegstrecke entgegen zu sehen.
Frank Keil-Behrens
Mareike Krügel: Die Tochter meines Vaters. Schöffling & Co, Frankfurt/Main, 2005 313 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 3-89561-073-9
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