Don Lee: Wenn es Nacht wird in Tokio
17.11.2005
Im Nachtdschungel Tokios
Leicht zu lesen, vielleicht im Flugzeug gen Osten als unterhaltsame Vorbereitung einer Reise durch Japan, hat der amerikanische Autor koreanischer Herkunft seinem Roman doch einen schwereren Kern mitgegeben.
Der deutsche Titel “Wenn es Nacht wird in Tokio” deutet nur eine Ebene des Romans von Don Lee an, nämlich die Erforschung des Nachtlebens Tokios. Dieses ist fast eine Wissenschaft für sich mit seiner Vielzahl von Etablissements, die sich auch den schrägsten und schrillsten Bedürfnissen der japanischen Gesellschaft annehmen.
Eine junge Amerikanerin geht in Tokio verloren. Wenig engagiert verfolgen die amerikanische Botschaft und die japanische Polizei ihre Spur. Doch im Verlauf dieser schleppenden Untersuchungen durch einen neurotischen japanischen Polizisten und einen amerikanischen Macho-Botschafter vermischen sich die Interessen, Geheimdienste werden involviert, die Sache wird ernst.
Leicht zu lesen, vielleicht auf einem Flug gen Osten zur unterhaltsamen Vorbereitung einer Reise nach Japan, hat der amerikanische Autor koreanischer Herkunft seinem Roman doch einen schwereren Kern mitgegeben. Der englische Titel “Country of Origin” kommt einem zentralen Thema des Buches näher als der deutsche. Er verweist auf die Bedeutung der nationalen und rassischen Herkunft, die auch in Japan so wichtig ist wie im Westen. Und wenn diese sich nicht äußerlich kaschieren lässt, wirkt sie mindestens so stigmatisierend wie in westlichen Ländern.
Es geht um das Schicksal der Kriegskinder des zweiten Weltkrieges in Japan. Betroffen sind die Kinder, die durch Verhältnisse amerikanischer Besatzungssoldaten mit Japanerinnen und Koreanerinnen entstanden, aber auch die Zainichi-Koreaner, die aus der Zeit der japanischen Besatzung und Unterordnung Koreas stammen. Kategorien wie „Bindestrichkinder“ oder „Menschen einer dritten Kultur“ eröffnen nur virtuell Zugehörigkeitsräume. Trotz immenser Anstrengung der Adaption sind sie niemals völlig anerkannt und qua Aussehen leicht auszugrenzen.
So gibt sich der Botschaftsangehörige Tom Hurley, obwohl amerikanischer Staatsbürger, auf Grund seiner halbkoreanischen Herkunft als Hawaianer aus, weil auf diese Weise Erscheinung und Staatsangehörigkeit ohne große Erklärungen deckungsgleich sind und rassistischen Bewertungen vorgebeugt werden kann.
Lisa, die Hauptperson des Romans mit dem bedeutungsvollen Nachnamen Countrymen dagegen, könnte ihre Herkunft verbergen. Man sieht ihr ihre afroamerikanisch-asiatische Herkunft nicht an. Sie könnte als weiße Amerikanerin südeuropäischen Ursprungs durchgehen, aber gerade sie sucht verzweifelt nach ihren Wurzeln. Aufgewachsen in einer schwarzen Community ist sie zu hell, um dazu zugehören. Obwohl sie durch ihre Adoption vom Status der Staatenlosigkeit befreit ist, kann sie sich keiner Gemeinschaft richtig zuordnen und geht auf ihrer verzweifelten Suche im Nachtdschungel Tokios verloren.
Die tragische Seite von Rassismus, nächtlicher Ausbeutung und anderer Schattenseiten des japanischen Lebens wird gemildert durch die komische Verwandlung des verklemmten Polizisten Kenzo, der herausfinden muss, dass auch alte Weihnachtskuchen noch gut schmecken können.
Maggie Thieme
Don Lee: Wenn es Nacht wird in Tokio.
Aus dem Amerikanischen von Renate Reinhold.
Goldmann, München 2005.
Taschenbuch. 525 Seiten. 8,95 Euro.
ISBN 10: 3-426-62912-7