Vikas Swarup: Rupien! Rupien!
20.11.2005
Vom Kastenlosen zum Milliardär
Als Milliardär im Gefängnis? Verhaftet wegen Teilnahme an einer Quizshow? Unverständlich? Ungeheuerlich? Vikas Swarup variiert die Geschichte "Vom Tellerwäscher zum Millionär" auf indische Art.
Er hat drei Namen, die drei Religionen vertreten, aber niemand, der sich für ihn zuständig fühlt. Ram Mohammed Thomas, als Findelkind in Indien aufgewachsen, schlug sich, früh auf sich allein gestellt, mit Mühe durchs Leben. So erscheint es wie ein Wunder, dass ausgerechnet er zum Milliardär wird. Der Kellner nimmt an dem indischen Äquivalent der “Wer wird Millionär?”Quizshow teil und gewinnt. Doch das Glück währt nicht lange. Kaum ist er im Besitz eines nie gekannten Reichtums, wird dieser Hoffnungsschimmer auf ein besseres Leben ihm wieder entrissen. Man unterstellt dem Ungebildeten Betrug, denn wie könnte er eine Ahnung von Geografie, Shakespeare oder dem Planetensystem haben?
In Rückblicken, die den Spannungsbogen, der sich aus der Steigerung von Gewinn und Schwierigkeitsgrad der Fragen der Rateshow ergibt, nutzen, erzählt Vikas Swarup vom bettelarmen Leben des Waisenkindes. Mit allen Mechanismen der Ausbeutung vertraut, trotzt dieser vielen Rückschlägen gewitzt eine Überlebensstrategie ab und merkt, dass er die bitteren Erfahrungen, die er sammeln musste, erfolgreich nutzen kann.
Bollywoodesker Einfallsreichtum
Die Missstände, die sich ihm und seinen Freunden in den Weg stellen, lesen sich wie ein grausamer Katalog der Armut, der eine europäische Sicht auf Kindes- und Menschenrechte weitestgehend verachtet. Hilflosigkeit oder Voyeurismus stellt sich jedoch nicht ein. Das verhindert der bollywoodeske Einfallsreichtum des Helden, der es immer schafft, selbst wenn er Federn lassen muss, scheinbar auswegslosen Situationen zu entrinnen.
Eine Geschichte, die sich des modernen Märchens bedient. Der Aufstieg des gesellschaftlich geächteten Habenichts gelingt mittels moderner Zauberei. Auch in Indien übernehmen heutzutage die Medien die Funktion der Guten Fee. Leider hat diese jedoch eine böse Schwester, die hinter den Kulissen lebt. Erst wenn diese Widersacherin überwunden ist, wird der Weg zum wohlverdienten Glück frei. Mit Hilfe der Abenteuer seines naiven Heldens gelingt es Swarup auf unterhaltsame Weise das gleichmachende Glücksversprechen der Medien und der Religionen zu kritisieren und dennoch den berechtigten universellen Traum vom Glück, sich eines Tages über das Elend erheben zu können und doch noch Gerechtigkeit erleben zu können, nicht zu konterkarieren.
Maggie Thieme
Vikas Swarup: Rupien! Rupien!
Kiepenheuer & Witsch 2005
Aus d. Engl. v. Bernhard Robben
343 S., 19,90 Euro.
ISBN : 3-462-03603-3