Beate Rothmaier: Caspar
03.12.2005
Der zerstörte Traum vom weißen Gold
Das Romandebüt der in Zürich lebenden Autorin Beate Rothmaier geht auf eine wahre Begebenheit zurück. Ein Heimatforscher hat der 43-jährigen Schriftstellerin die Geschichte zugetragen, die sich am Ende des 18. Jahrhunderts in Württemberg ereignete. Die entstandene Mischung aus verbrieften Fakten und dichterischer Imagination bietet ein gleichermaßen packendes, wie poetisch verdichtetes Stück Literatur.
Der fünfjährige Caspar wird von seiner Mutter in einem Gasthaus ausgesetzt - mit einem Zettel um den Hals: Vom Bortzlanmacher Schwartz, Wellische Schweiz. Sogleich entsteht die Legende, das Caspars Vater - ein Porzellankünstler - einen beträchtlichen Batzen Geld für die Erziehung seines unehelichen Kindes hinterlegt haben soll. Das weckt nicht nur die Begehrlichkeiten bei der Schwanenwirtin, sondern auch beim Bauer Melcher, wo das Findelkind dann landet, und beim scheinheiligen Amtmann Bröm.
Caspar gerät zwischen die Fronten, überall ist er unerwünscht, wird hin- und hergestoßen und verbringt eine freudlose Kindheit mit allerlei Prügel und Schikanen. Die dämonische Karolin, Tochter der Schwanenwirtin und ebenfalls von ihrem nächsten Umfeld verteufelt, ist die einzige Person, die sich mit Caspar auf gespenstische Weise verbündet. Gefesselt durch ein unsichtbares Band der Solidarität betreiben beide eine Art Spurensuche am Rande der in Württemberg noch gänzlich unaufgeklärten Gesellschaft.
Kurzes Intermezzo des Glücks
Caspar landet schließlich als Gehilfe in einer Porzellanmanufaktur, wo er in die chemischen Geheimnisse der Produktion des weißen Goldes Einblick erhält. Ein kurzes Intermezzo des Glücks, in dem das Findelkind augenscheinlich auf den Spuren seines Vaters wandelt. Ein katastrophaler Brand beendet nicht nur diese Lebensetappe, sondern legt die gesamte Fabrik in Schutt und Asche. Die Passagen, in denen Beate Rothmaier detailliert über die historische Arbeitswelt der Porzellanmacher berichtet, zeugen von einer intensiven Recherche und nehmen den Leser förmlich in der Handlungszeit gefangen.
Als Kaspar später von Boten der kurfürstlichen Armee zwangsrekrutiert werden soll, setzt er seinem jungen Leben (anders als sein historisches Vorbild Caspar Schmid, der immerhin 59 Jahre alt wurde) selbst ein jähes Ende und stürzt sich in die Fluten der Donau. Eine ergreifende Geschichte, erzählt mit ungezügelter, archaischer Kraft. Beate Rothmaier ist ein spät entdecktes großes literarisches Talent.
Peter Mohr
Beate Rothmaier: Caspar. Roman. Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2005, 190 Seiten, 17,90 Euro (SFR 32,50)