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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:18

 

James Salter: Letzte Nacht

12.12.2005

 
Erwachsene Resignation

James Salter begleitet in "Letzte Nacht" eine Reihe von Charakteren, die erfolglos versuchen, die Stillstände ihrer Leben zu durchbrechen, um sich ihnen anschließend bequem und ohne große Reue zu ergeben.

 

Alte Männer, so geht das Vorurteil, haben eine Schwäche für Sex, Tod, Krankheit, Siechtum, Selbstmordgedanken und überhaupt jegliche Verhandlung aller möglichen Körper- und Lebensfunktionen. Das gilt besonders, wenn sie amerikanische Romanciers sind und dabei Roth, DeLillo oder Salter heißen - wobei gerade letzterer nicht erst alt werden musste, um die Faszination des Themenblocks anzuerkennen. Trotzdem hebt sich "Letzte Nacht", eine dünne Sammlung kurzer Erzählungen, ein wenig von den Vorgängern ab: hier entdecken wir keine bergsteigenden Zivilisationsrückkehrer, Düsenpiloten oder anderen Helden mit einem prekären Verhältnis zu Leben und Tod, sondern eher Charakterskizzen, die kaum einen Namen haben, eigentlich auch keinen brauchen, weil man sie ohnehin schon mehrfach gesehen hat und dementsprechend kennt

Alt und unzufrieden

Alt sind die Protagonisten irgendwie alle, unzufrieden, aber nicht genug, um sich noch dauerhafte Änderungen vorzunehmen: „Teddy war jetzt in den Sechzigern, und sie sah schon seit einem Jahrzehnt so aus und würde wahrscheinlich weiterhin so aussehen, es gab nicht mehr viel zu ändern“. An greifbarem, materiellem Erfolg mangelt es ihnen nicht, da gibt es mit Teddy eine erfolgreiche Fernsehproduzentin der nur von fern dämmert, wie allein gelassen sie ist, mit Michael einen erfolgreichen Anwalt, der seinen fremdgehenden Schwiegersohn zurecht weist oder mit Walter einen weltgewandten, tief gebildeten Übersetzer, der seiner unheilbar kranken Frau erfolglos beim Suizid assistiert. Allesamt stecken sie in ihren Leben fest, sind stabil verankert in ihren sozialen Netzen, wenn auch nicht unbedingt glücklich: „Arthur“, erklärte sie, „du musst die Dinge akzeptieren, wie sie sind, was ich bin, und was du bist und warum es so gut ist.“ Sie sind hoffnungsvoll resignierend, weil es sowieso keinen Ausweg, geschweige denn eine Lösung gäbe, noch nicht einmal das Sterben will so recht funktionieren, weder, wenn man es an sich selbst versucht, noch wenn man es nur beobachtet, zum Beispiel an einem streunenden Hund – „Sie konnte sein schweres, kraftloses Gewicht spüren, ein Gewicht, das sich zerstreuen, zu etwas anderem werden würde, die Sehnen würden zerfallen, die Knochen leicht werden. Sie sehnte sich danach, etwas zu tun, was sie nie getan hatte, ihn zu umarmen. In dem Augenblick hob er den Kopf.“ Stillstand überall, also – und wo keine Zukunft ist, da ist auch keine Vergangenheit: die Orte der Erinnerung sind geschlossen oder abgerissen und alte Beziehungen, wenn es sie gibt, sind bestenfalls noch für ein paar Bitter- und Wehmütigkeiten gut.

Salter mag seine Charaktere, in all ihrem Stillstand: der oft bemühte Vergleich mit Hemingway trifft die Sache nicht ganz. Sicher, hier wie da wird die Parataxe kultiviert, in einem trockenen, unaufgeregten Stil schaut der Erzähler seinen Charakteren zu, wie sie taumeln und suchen, aber Salter pflanzt ihrer Suche, anders als Hemingway, keinen Fatalismus ein, keine Unausweichlichkeit in den Untergang. Irgendwo ist da auch immer noch ein Stück Selbstzufriedenheit, mit der sich die Müdigkeit und Langweile ertragen lässt, und für diese selbstzufriedene Müdigkeit scheinen eher die Protagonisten im Spätwerk eines John DosPassos (wie etwa in "Die schönen Zeiten") Pate gestanden zu haben. Was das ergibt?: eine sehr erwachsene Resignation in einer altmodischen, aber bequemen und auch irgendwo immer noch coolen Prosa.

Daniel J. Gall


James Salter: Letzte Nacht Deutsch von Malte Friedrich. Berlin Verlag 2005, 150 S., 18 Euro. ISBN 3827005779,.

Biographisches zu James Salter - * 1925 in New Jersey – wurde 17jährig als Kadett in West Point aufgenommen, diente im Pazifik und in Korea, bevor er zur Veröffentlichung seines ersten Romanes 1957 aus dem Dienst ausschied. Berühmt

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