Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 20:18

 

Walter Kappacher: Selina oder Das andere Leben

12.12.2005

Aus der Zeit fallen

Der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher hat keinen großen Namen, obwohl sein Landsmann Peter Handke immer wieder auf ihn hingewiesen hat. Nun hat Kappacher einen neuen Roman veröffentlich: “Selina oder Das Andere Leben”. Ein literarische Entdeckung.

 

Zugegeben: es war der Titel, der mich neugierig machte. Denn “Selina oder Über die Unsterblichkeit der Seele” ist das letzte, Fragment gebliebene Werk Jean Pauls. Er wollte damit, sich & seinen Lesern zum Trost, vom “Kampaner Tal” aus, wo er bereits das ihn bewegende Unsterblichkeits-Thema angeschlagen hatte, noch einmal in die Höhe gelangen, um “für so manche nasse und dunkle Augen ganz neue lichte Stellen und Reiche im zukünftigen Lande des Seins” zu zeigen.

Dann gab es noch die Erinnerung an ein frühes Buch des Salzburger Schriftstellers Walter Kappacher. Sie war jedoch ganz ausgebleicht, geblieben nur der Nachhall, dass es eine sehr stille Erzählung aus der Arbeitswelt gewesen sei und dass sie damals, als man darüber mit zitternder Empörung geschrieben hat, aus diesem zeitgenössischen Rahmen gefallen war.
Aber: der Anfang von Kappachers “Selina” schien nichts Gutes zu versprechen. Ein österreichischer Lehrer als Aussteiger, der ein heruntergekommenes, allein stehendes Haus in der Toskana für sich bewohnbar macht, das ihm von einem reichen, älteren Deutschen, der schon jahrelang mit seiner großen Bibliothek in der Toskana lebt, zur Verfügung gestellt wurde. Noch ein Toskana-Fraktions-Buch? Hinzukam & motivierte aber, weiter zu lesen: dass ich zufällig die Gegend in der Nähe Arezzos, in der Kappachers Roman spielt, selbst von einem Aufenthalt vor Jahrzehnten her kannte.

Gemischte Gefühle also zuerst - die sich jedoch sehr bald entmischten zu einem Leseglück, das unvergleichlich intensiv wurde; und mit einem mal stand einem vor Augen, was Kappachers Prosa der Wahrnehmung und Beschreibung von der seines ihm darin verwandten Landsmannes und Herolds Peter Handke fundamental & beglückend unterscheidet: dass in Walter Kappachers literarische Natur- & Ortsseismographien auch Menschen vorhanden sind, ja dass er Menschen liebt, wie sehr er sich auch, besser: sein Held Stefan, der ein Sabbathjahr genommen hat, isolieren mag - um ein Drehbuch nach Bulwer Lyttons viktorianischem Roman “Die letzten Tage von Pompeji” oder selbst einen Roman zu schreiben, wozu er aber gar nicht kommt, weil er mehr und mehr in “Das Andere Leben” überwechselt.

Das Andere Leben! Welche literarischen Anstrengungen, Vorkehrungen, Reisen, semantischen Verrenkungen unternimmt Peter Handke, um es der realen Gegenwart abzuringen, abzutrotzen oder es aus ihr in französischen Wäldern oder spanischen Gebirgen herauszuschneiden! Und wie leicht fällt es seinem Freund, dem gleichen Ziel nahezukommen, ja: es zu erreichen!

Wie gelingt ihm das? Zuerst einmal, indem er nicht nur seinen einsamen Helden aus der Zeit fallen lässt, sondern auch für die Leser von Stefans ländlicher Eremitage die Zeit stehen bleibt. Denn Kappachers Roman, aus zahlreichen kleinen Szenen, Momentaufnahmen und Handlungen sich zusammensetzend, ist nicht chronologisch erzählt. Er handelt zwar von einer Vergangenheit in der Mitte der Achtziger Jahre, als der Lehrer Stefan, sowohl der Salzburger Schule als auch der bestimmenden Freundin Monika entlaufen, sich ein verfallenes Haus in der Toskana, das ihm Heinrich, der deutsche Einsiedler zur Verfügung stellt, außerhalb eines Dorfes notdürftig herrichtet, ohne Elektrizität, Kühlschrank oder Fernsehen, aber mit der Hilfe von Mario, Pepe oder Antonio. Zugleich passt er sich immer selbstverständlicher dem dörflichen Leben an, lernt mehr und mehr Menschen kennen, beobachtet die Veränderungen in deren Lebens- und Verhaltensweisen und übt sich in einen tastenden Umgang mit der Natur ein, die er nicht als eine sanfte Idylle, sondern öfters als Rätsel, Angstmacher und Gefahrenzone mit Wildschweinen und Vipern, Skorpionen und Fledermäusen erlebt.
Aber obwohl sich Stefan immer weiter von seiner Herkunft entfernt, beschreibt Kappacher dessen kulturelle Akklimatisierung nicht als Prozess, sondern als eine vielperspektivische Gleichzeitigkeit, als ein episches Kontinuum, in das man als sein Leser bald hineingezogen wird & mit ihm darin bleibt.

Tief hineingezogen wird man, weil der Autor ganz offensichtlich die von ihm beschriebenen Örtlichkeiten bis in kleinste geographische Details kennt und von ihnen so selbstverständlich spricht und erzählt, als seien sie einem als Leser ebenso längst vertraut: und so werden sie es.
Aber so genau dieser Robinson sein insulares Dasein einem vor Augen stellt - dass man versucht sein könnte, mit dem Buch in der Hand die Gegend zu erkunden -, so diskret ist er doch als scheuer Erzähler, der es lieber bei Andeutungen belässt, vor allem wenn es um seine einmal flüchtig erfüllten und seine unerfüllten Liebessehnsüchte geht, die sich auf Selina, die angereiste Nichte Heinrichs, richten.

Schließlich ist diesem einsiedlerisch-abseitigen Leben, das von Stefan in den Tag gelebt wird, noch eine, auch lange Zeit nur zart angedeutete Schicht mit literarischen Verweisen: auf den neorealistischen Erzähler Vasco Pratolini (“Chronik armer Liebesleute”), aber auch auf Petrarca, Seneca, Horaz oder die Bilder Piero Della Francescas in Arezzo oder Urbino eingewoben, welche die Frage nach dem “richtigen”, dem “Anderen Leben” philosophisch zur sanften Begleitmusik dieser beschreibenden Prosa machen - bis sich am Ende Jean Pauls “Selina” in den Vordergrund schiebt, dieser erzählerische Traktat über Liebe, Tod und seelische Unsterblichkeit.

Nicht ohne Grund bekommt Kappachers Buch damit einen sonoren Klang. Denn der glückliche Stefan, der sich im Jetzt heimisch fühlte, im “Anderen Leben” angekommen war, hatte sich eines nachts vors Haus gelegt und in die Weite des Sternenhimmels geblickt und dabei plötzlich verspürt, wie ein “ungeheurer Sog” von den “unbegreiflichen Räumen und unvorstellbaren Zeiten” des Universums ausgeht und die “völligen Bedeutungslosigkeit der vorübergehenden Erscheinung Mensch” darin unterzugehen droht: “Alle Sicherungen, die er wie jeder entwickelt hatte, hatten sich aufgelöst”. Es ist der “Vernichtungsgedanke” Jean Pauls, der ihn in der schönen Nacht “unterm gestirnten Himmel” Kants für einen winzigen, gefährlichen Moment erreicht und lähmt und ihm am nächsten Morgen die Natur entfremdet, in der sich heimisch und aufgehoben gefühlt hatte.

Wie gerne hätte Stefan mit Heinrich über diesen Augenblick der existenziellen Angst gesprochen, weil der andere Einsiedler ihn wohl verstanden hätte, denn Heinrich hatte ihm öfters unaufdringlich vom Tod (und was danach kommen könne) gesprochen. Aber Stefan hatte sich nicht getraut, den kranken Heinrich zu besuchen - und nun war es plötzlich zu spät. Denn ohne dass man Stefan verständigt hatte, war Heinrich gestorben und sogar beerdigt worden - eine etwas unwahrscheinliche Wendung, wo beide doch so nahe beieinander gewohnt und viele Bewohner der Gegend zu der Beerdigung gekommen waren, wie ihm die angereiste Selina berichtet, auf die er trifft, als er Heinrich doch noch besuchen will.
Aber so kann der Autor, wie ganz zu Beginn, als Stefan einen ersten Besuch Selinas in seiner Klause in Ich-Form erinnert - danach ist das Buch in der erlebten Rede geschrieben -, auch wieder am Ende seiner Erzählung erneut in die Ich-Form springen: Stefan ruft dem toten Heinrich seine Klage über das Versäumnis ihrer Freundschaft in einem bewegenden Monolog nach.

Er zitiert dabei eine Briefstelle Petrarcas, die den Zauber und die Intensität, die zarte Strenge und doch auch die schwebende erzählerische Leichtigkeit und Intimität von Walter Kappachers Roman anspricht: “Ich will, dass mein Leser, wer es auch sei, nur an eines denkt: an mich, nicht an die Verheiratung seiner Tochter, nicht an die Nacht bei der Freundin, nicht an die Intrigen seiner Feinde, nicht an Bürgschaften, nicht an sein Haus oder Feld oder an seine Geldkasse, und dass er, zumindest solange er mich ließt, bei mir ist.”
Gewiss wird man als Leser von Walter Kappachers elegischem Roman ganz und gar bei ihm sein - und dabei über das eigene Leben, das so ganz anders ist, immer wieder nachdenken.

Wolfram Schütte


Walter Kappacher: "Selina oder Das andere Leben".
Roman. Deuticke Verlag, Wien 2005.
255 S., geb., 19,90 ¤.

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...