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Andrzej Stasiuk: Unterwegs nach Babadag

18.12.2005

Erlöschender Blick auf Osteuropa

Der bekannteste und wohl auch seltsamste polnische Schriftsteller schrieb provokante autobiografische Bücher. Sein Bekenntnis zum Pazifismus bescherte ihm einen halbjährigen Gefängnisaufenthalt. Die Erlebnisse im Gefängnis verdichtete er in seinem Debütwerk: der Autor Andrzej Stasiuk.

 

Wegen seiner harten, autobiografischen Prosa und seiner drastischen Sprache wurde er in Polen über Nacht berühmt. Aber auch zarte und metaphysische Prosa stammt aus seiner Feder. Jetzt ist sein neuer Band "Unterwegs nach Babadag" mit hoch poetischen Reiseerzählungen erschienen. Seine fesselnden literarischen Reportagen führen an die vergessenen Ränder, an melancholische Orte im Niemandsland, an die Grenzen und Schwellen des alten Osteuropas.

An die Grenzen und Schwellen des alten Osteuropas

Über die mitgebrachten Münzen ruft er sich die magischen Regionen wieder in Erinnerung.Sieben Jahre ist Stasiuk durch Mitteleuropa gereist. 167 Stempel finden sich in seinem Pass. Nach Rumänien, in die Ukraine, Ungarn, Slowakei, Albanien und Moldawien führen ihn seine Reisen. Besonders angezogen von Ländern wie Transnistrien und Orten wie Babadag, die man nur mit Mühe auf einer Karte finden wird. Seine literarischen Reise-Reportagen entstehen aus der Angst, diese "schwachen Orte" könnten verschwinden, sobald man sich abwendet. Seine Befürchtung: Wenn er sie nicht beschreibt, könnten ihre Bewohner plötzlich aufhören zu sein. Sie würden mit ihm und seinem erlöschenden Blick untergehen. „Ja, es lässt sich nicht leugnen, dass mich der Schwund, der Zerfall interessiert, (...) alles, was nicht überlebt, keine Spuren hinterlässt“. Mit hoher sinnlicher Wahrnehmungsfähigkeit und großer poetischer Kraft entwirft der Autor beeindruckende Landschaftspanoramen von beinahe archaischer Überzeitlichkeit.

Stasiuk entwickelt aus aktuellen Reiseerlebnissen mythische Geschichten und Urlandschaften, die man, wie der Autor selbst, nicht vergessen wird. Tiere bewegen sich in diesen archaischen Landschaften wie mythische Gestalten: ob Kuhherden auf einer Bahnstrecke hinter Oradea, Schafe in einer Vorortstraße von Satu Mare oder ein Pferd, das mitten in der Suceava weidet. Und auch die Menschen scheinen alterslos. Wie das Wetter, das sich immer gleich bleibt, weil es ständig wiederkehrt. Genauso die Orte: verfallene Bahnhöfe, Kneipen im Nirgendwo, verlassene Dörfer in der Steppe oder dem Untergang geweihte Städte, die in Armut, Schrott- und Abfallbergen versinken. Oder die Transportmittel: rostige Fähren, altersschwache Taxis und Zugwaggons oder auseinanderfallende Privatautos. Es ist die ewige Wiederkehr des Immergleichen, das immerwährende Früher, das keinen Morgen kennt. Stasiuks Reisereportagen "Unterwegs nach Babadag" besitzen eine große poetische Dichte und mythische Eindringlichkeit. Er murmle, so der Autor selbst, "dieses geographische Gebet, diesen topographischen Rosenkranz, bete die kartographische Litanei herunter", damit das Kaleidoskop der Wunder für einen Augenblick erstarre, mit ihm mittendrin. Der Leser spürt: Das ist ihm mit seinen Geschichten gelungen.

Michaela Schmitz


Andrzej Stasiuk: Unterwegs nach Babadag.
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Suhrkamp 2005. 300 Seiten, 22,80 Euro.

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