Inka Parei: Was Dunkelheit war
18.12.2005
Wenn es nur noch Fragen gibt
Die gebürtige Frankfurterin Inka Parei, die 1999 mit ihrem Berlin-Roman "Die Schattenboxerin" debütierte, lebt seit einiger Zeit in Berlin. Ihr Protagonist, ein pensionierter Postbeamter, geht den umgekehrten Weg - von Berlin nach Frankfurt, wo er ein marodes Mietshaus geerbt hat.
Damit stellt die Bachmann-Preisträgerin des Jahres 2003 ihre Leser vor das erste Rätsel, denn der betagte Mann weiß nicht, warum er geerbt hat und wer jener Karl Müller ist, der ihn in seinem Testament bedacht hat. Das Haus am Westrand Frankfurts liegt an einer stark frequentierten Straße. Die Wahrnehmung des stark gebrechlichen Protagonisten wird primär durch Geräusche gespeist - die Straßenbahn, der Motorenlärm, die Baumaschinen und die Gesprächsfetzen aus dem Hinterhof. Zum körperlichen Verfall der Hauptfigur fügt sich auch der baufällige Zustand des Hauses, in dem zwei zwielichtige Figuren ihrem Gewerbe (Metzgerei und Gaststätte) nachgehen.
Inka Parei läuft bei der Beschreibung dieses schäbigen Gebäudes zur erzählerischen Höchstform auf; man glaubt, Fäulnis und Muff aus den Seiten zu riechen. Richtig schaurig lässt sie es mit Eintritt der Dunkelheit werden. Der alte Mann kommt nachts nicht zur Ruhe, Erinnerungsfetzen und Bilder aus der Gegenwart überlagern sich in einem halbwachen Zustand, in einem "dünnen trostlosen Schlaf, wie zu meiner Zeit als Soldat." Er hört Geräusche in der Dunkelheit, schleicht durchs Haus und begegnet einem Fremden, dessen Gesicht ihm bekannt vorkommt.
Zwei Epochen blutiger deutscher Geschichte
Wir befinden uns im Herbst des Jahres 1977 und ahnen, dass es sich um einen RAF-Terroristen handeln könnte, der im Haus Unterschlupf gesucht hat. Mehr und mehr verdichten sich auch die Indizien, dass der betagte Mann an der Ostfront in Kriegsverbrechen verwickelt war. In seinen schlechten Träumen begegnet er wiederholt "Birkenstämmen mit Spuren von Streifschüssen."
Zwei Epochen blutiger deutscher Geschichte begegnen sich unvermittelt in der Dunkelheit eines Frankfurter Altbaus, dessen gespenstisch ausgemaltes Ambiente an Edgar Allan Poe erinnert. Die Dunkelheit und die nächtlichen Geräusche hat Inka Parei sprachlich mit großer Brillanz ausgeleuchtet. Ihr Blick ins Innenleben des namenlosen, alten Mannes, der offenbar Schuld auf sich geladen hat und den nahenden Tod körperlich spürt, geschieht mit großer psychologischer Intuition. Dass eine Handlung beinahe ohne Einflüsse der Außenwelt auch romantragend sein kann, hat die 38-jährige Autorin mit diesem andeutungsreichen Erzählmosaik bewiesen. Die Handlungssteinchen wird jeder Leser vermutlich unterschiedlich aneinander reihen. Ganz im Sinne des Protagonisten, der sein Leben bilanzierte: "Er wusste, es gab keine Antworten mehr, nur noch Fragen."
Peter Mohr
Inka Parei: Was Dunkelheit war.
Roman.
Schöffling Verlag, Frankfurt 2005,
169 Seiten, 18,90 Euro (SFR 34,30)