Leon de Winter: Place de la Bastille
08.01.2006
Doppelgänger in Paris
Der Bestsellerautor Leon de Winter beschäftigt sich schon in diesem Frühwerk aus dem Jahre 1981 mit seinen jüdischen Wurzeln - und zwar auf sehr feinfühlige Weise.
Die Hauptfigur Paul de Wit ist vom Videorecorder besessen. Nacht für Nacht lässt er sich von Filmen berieseln, damit sein Gehirn beschäftigt ist und er nicht an das einzige Thema denkt, das sich in seinem Kopf eingefressen hat: Warum mussten seine Eltern in Auschwitz sterben? Oder noch allgemeiner: Warum ist die Geschichte gerade so und nicht anders verlaufen?
Seine Frau Mieke versucht ihn von dieser Videosucht abzuhalten, indem sie eine Reise nach Paris vorschlägt. Dort soll Paul für sein Buch über Ludwig XVI recherchieren. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, was passiert wäre, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre: Wie würde die Welt aussehen, wenn die Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes während der französischen Revolution gelungen wäre? Ist alles nur Zufall oder gibt es eine Kausalität in der Geschichte?
Die Suche nach dem zweiten Selbst
Leider ahnt Mieke nicht, dass es in Paris eine Frau gibt, die Ruhe in Pauls Kopf bringen kann: seine Geliebte Pauline. Eine jüdische Geliebte, mit der ihn eine tiefe Seelenverwandtschaft verbindet. Auf einem Foto, das er von Pauline macht, entdeckt Paul einen Mann im Hintergrund, der ihm selbst zum Verwechseln ähnlich sieht. Er macht sich auf die Suche nach seinem verloren geglaubten Zwillingsbruder.
Paul de Wit ist ein verzweifelter Mann, den das Schicksal seiner Eltern nicht los lässt. Diese Zerrissenheit der Hauptfigur spiegelt sich im Text wieder. Der Autor arbeitet mit mehreren Ebenen, erzählt die Geschichte nicht geradlinig, macht Schlingen und Umwege, die von den Leserinnen und Lesern volle Aufmerksamkeit verlangen. Das Schönste am Buch sind die letzten Passagen über den Zwillingsbruder. Die Suche des einen Bruders nach dem anderen wird verdoppelt und umgekehrt. Es hätte der Konzeption des Buches ganz gut getan, wenn diese Raffinesse schon früher eingearbeitet worden wäre.
Wie ein roter Faden zieht sich die Beschäftigung mit jüdischen Schicksalen durch das Gesamtwerk des niederländischen Autors. Als Sohn von niederländisch-orthodoxen Juden, die den Holocaust in einem Versteck überlebten, beschäftigt er sich immer wieder mit seinen Wurzeln. In diesem Roman , den de Winter im Jahre 1981 mit 27 Jahren schrieb gelingt ihm das auf eine besonders feinfühlige Art.
Maria-Bernadette Ehrenhuber
Leon de Winter: Place de la Bastille Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Roman. Diogenes, 157 Seiten, 17,90 Euro. ISBN: 3257064969