Lobo Antunes: Guten Abend ihr Dinge hier unten
15.01.2006
Odd men out - António Lobo Antunes schreibt den portugiesischen Kolonialkrieg fort
Der große portugiesische Erzähler António Lobo Antunes kehrt in seinem 16. Roman nach Angola zurück, das er als 29jähriger Militärarzt im Kolonialkrieg seiner Heimat zum erstenmal betreten hatte. Sein 2003 in Portugal und jetzt auf deutsch erschienener Roman “Guten Abend ihr Dinge hier unten” ist die Phantasmagorie einer Kolonialgeschichte, die nicht vergehen will und eine Totenmesse.
Die Erfahrung des Angolakriegs hat den jungen Militärarzt António Lobo Antunes, der als 29jähriger 1971 sich für 27 Monate dort im Kampf gegen die Guerilla aufhielt, tief geprägt. Der grausame Kolonialkrieg, an dem der eben jung Verheiratete teilnehmen musste, fand vielfachen Niederschlag in seinen ersten literarischen Gehversuchen und kehrte als Phantasmagorie erneut wieder in dem späten Roman “Portugals strahlende Größe”. Nun ist Angola der imaginäre Schauplatz des jüngsten auf deutsch erschienenen Romans des Epikers: “Guten Abend ihr Dinge hier unten“. Ein fiktives Angola; denn Lobo Antunes hat das Land, das sich nach seiner “Befreiung” von der portugiesischen Diktatur 1975 in einem fünfundzwanzigjährigen (!) Bürgerkrieg wegen seiner Diamanten- und Erdölvorkommen befunden hatte, nicht mehr besucht. An dieser nachträglichen, selbstmörderischen Totalzerstörung der einstigen reichen Kolonie in ein ort- & wegeloses, gottverlassenes Ruinen- und Minenfeld (dem größten in der Welt!) haben Südafrika und die USA, die UdSSR und Kuba samt einer Vielzahl von französischen und belgischen Söldnern tatkräftig teilgenommen. Der große, offensichtlich auch von Lobo Antunes literarisch beeinflusste portugiesische Reporter Pedro Rosa Mendes hat in seiner 2002 bei Ammann erschienenen phantasmagorischen Reisebeschreibung “Tigerbucht” diese chaotische, traumatisierte “Landschaft nach der Schlacht” (J. Goytisolo) in beängstigenden Farben mehr als nur beschrieben, nämlich literarisch evoziert. António Lobo Antunes lässt sich in seinem Roman nicht auf einen literarischen Wettstreit mit seinem Landsmann ein, der ja schließlich am Ort des Geschehens war. Der Romancier imaginiert Rück- & Ankunft & Untergang seiner maroden Verlierer-Helden in dieser ruinierten afrikanischen Wüstenei. Aber präsenter als Angola sind in dem Roman, wie immer im Oeuvre des 1942 in Lissabon geborenen Erzählers, die intimen Vor- & Lebensgeschichten der Memorierenden: ein weites Feld von psychischen Verletzungen und Traumata, welche der zeitübergreifende Wortstrom des Buchs dem Leser als Widerstreit, Einspruch und Bestätigung zutreibt.
Agenten auf der Suche nach dem Diamantenschatz
Mit dem willentlichen Autodafé einer Herrschaftsvilla am Ende der portugiesischen Diktatur beginnt der “Prolog” von Lobo Antunes´ Roman “Guten Abend ihr Dinge hier unten”. Angeordnet hat die Vernichtung der reichen kolonialen Siedler-Hinterlassenschaft dessen letzte Besitzerin, die Mulattin Marina - die illegitime Tochter des weißen Hazienda-Besitzers. Kurz zuvor war er im Herrschaftshaus von seinem schwarzen Ziehsohn erschossen worden, der sich der Guerilla angeschlossen hatte und der die Hand des von ihm ermordeten “Paten” küsst - eine Geste, in der die Paradoxie der historischen Situation am Ende der Kolonialzeit für einen winzigen Moment aufblitzt.Zwanzig Jahre später, also noch während des tobenden Bürgerkriegs, schicken die portugiesischen Geheimdienste einen offenbar ursprünglich dort geborenen Agenten - das “Muttersöhnchen” Seabra - nach der Hauptstadt Luanda, um eine “Zielperson” ausfindig zu machen, zu liquidieren und ihr einen Diamantenschatz abzujagen. Es ist ein ebenso absurdes wie unerfüllbares, dilettantisches Unternehmen. Vermutlich dient dieses Kolportagemotiv aus dem Agentenromangenre dem portugiesischen Epiker Lobo Antunes nur dazu, symbolisch den Irrsinn, den Zynismus und die Gier der einheimischen “Dienste“ in Portugal zu denunzieren, die den Umsturz Portugals zur Demokratie insgeheim überdauert haben und immer noch in Angola verdeckt tätig sein wollen. Indem Lobo Antunes diesen Topos serialisiert, schafft er sich den Rahmen für eine postkoloniale “Wiederkehr des Gleichen”: eine katastrophale Vergangenheit, die nicht vergeht, wie sie ja ganz ähnlich Faulkner in seinem Oeuvre für die unabgeschlossene Sklavenhalter-Geschichte der nordamerikanischen Südstaaten literarisch behauptet hat. Dem in Angola verschollenen Seabra setzen die Lissaboner “Dienste” mit den als Gegenspion im Kolonialkrieg in Guinea-Bissau erfahrenen Agenten Migués nach, der Seabra vor Ort umbringt; aber auch Migués erkennt, wie sein Vorgänger Seabra, dass er Angola nicht lebend verlassen wird. Nach diesen beiden ersten Büchern des Romans, die um diese Agenten kreisen, intensiviert der Tragiker Lobo Antunes im dritten das gleiche Motiv von Verfolger und Verfolgten, indem nun der Agent Morais gleich fünf aus dem Ruder der Dienste gelaufene Geheimnisträger und Diamantendiebe, die sich mit ihrer Beute in den Kongo absetzen und nach Südamerika fliehen wollen, mithilfe amerikanischer Agenten in einem Hinterhalt abschlachtet. Im Epilog des aus drei "Büchern" bestehenden Romans erzählt in einem (Inneren) Monolog die Tochter des Geheimdienstchefs, der mit seiner Familie in Angolas Hauptstadt Luanda Urlaub macht, wie die Gespräche zwischen dem Vater, seinem neuen “ausländischen” Chef und einem schwarzen “Admiral” auf einem Kabinenkreuzer vor der Küste, sich immer noch um Diamanten und Provisionen drehen, während die Ehefrauen ihre rassistischen Vorurteile hätscheln und die Kinder sich langweilen.
Das Verschwinden der Fabel hinter der Wortmusik
Man erweckte einen falschen Eindruck, würde man diese womöglich fehlerhafte, weil mühsam extrapolierte Skizze eines Fabelstoffes als Zentrum, Gerüst oder Plot dieses jüngsten auf deutsch erschienenen Romans von António Lobo Antunes ansehen oder ausgeben. Wer vor allem seine letzten Bücher in der wie auch hier wieder bewundernswerten Übersetzung Maralde Meyer-Minnemanns gelesen hat (außer dem Autor selbst “kennt“ sein Oeuvre vermutlich niemand genauer als sie), der weiß natürlich, dass sich Lobo Antunes längst nicht mehr um Plots schert, sondern einzig & allein die Polyphonie von Stimmen, ja Stimmfetzen, Lauten, Assoziationen zu einer lyrisch-musikalischen Partitur von Worten zusammenführt. Literarisch entsteht dadurch ein mehr und mehr nahezu undurchdringlicher Dschungel von lianenhart verschlungenen Wiederholungen und ein unüberschaubarer epischer “Fluss ohne Ufer” (H.H. Jahnn) von zeit-, orts- und perspektivenüberlagerten Wort-Clustern in einem imaginären erzählerischen Hallraum, der nur noch von weiter Ferne an die (im Vergleich dazu “rationalistischen”) Montagen und Schnitttechniken Claude Simons erinnert, mit dem der Portugiese die obsessive Versenkung in weitgehend gleiche, zumindest aufs engste verwandte existenzielle Grundsituationen teilt. Bei Lobo Antunes sind es lieblose Lieben, unglückliche Ehen, kränkelnde Kinder, demütigende soziale Machtverhältnisse im Beruf und in der Familie - marode und morose Beziehungsgeflechte, die erzählerisch immer dichter miteinander verknüpft & verzahnt werden, bis einem als Leser Hören & Sehen vergeht und man nicht mehr weiß, wo einem “der Kopf steht“, dem nicht mehr gelingen will, das Ostinato von Stimmen & Phrasen, welches die drei Bücher des über siebenhundertseitigen Romans übergreifend durchhallt, noch Personen und Handlungen zuzuschreiben, die dahinter verschwinden oder in diesem Mahlstrom von Satzanfängen, Einreden und Monologfragmenten untergehen.Wer die erzählerische und poetische Entwicklung des großartigen und solitären literarischen Werks von António Lobo Antunes seit seinen Anfängen mit Bewunderung verfolgt hat - und als deutscher Leser ist man durch die kontinuierliche Vermittlungsarbeit seiner Übersetzerin und des Luchterhand-Literaturverlags in einer einzigartigen privilegierten Stellung -, wird aber auch nicht ohne Beklemmung bemerken, dass die Affinität der literarischen Poetik des Autors zu musikalischen Verfahrensweisen auf Gefahren zusteuert, welche die ästhetische Triftigkeit und kommunikative Struktur des literarischen Gebildes mehr als nur fragil erscheinen lassen. Lobo Antunes gerät dabei in einen Strudel von stereotypisierten Redundanzen, deren suggestive Evokation (durch repetierte sprachliche Motive & Signalements) nicht mehr schlüssig durch erzählerische Entwicklungen begründbar erscheinen. Vergleicht man, um die literarische Methodik der hermetischen Stagnation von “Guten Abend ihr Dinge hier unten” mit einer ebenso ostinaten musikalischen Ausarbeitung sich vorzustellen, den Roman mit Maurice Ravels “Bolero”, so kann der Musiker die vielfache Wiederholung des gleichen melodischen Motivs durch eine Akkumulation der Instrumentierung anreichern und kolorieren und durch den Wechsel von Tempo und Tonarten die Innenspannung bis zum Zerreißen steigern. Dagegen sind die literarischen Mittel der Repetition und Akkumulation farb- und vor allem spannungsloser, weil der Erzählstoff dadurch nicht an Intensität gewinnt, sondern eher zur Monotonie tendiert, deren erzählerische Dauer ästhetisch kaum legitimierbar ist. Vor allem in den ersten beiden Büchern des Romans trifft man auf solche Untiefen, wenngleich gerade dort in einem Selbstgespräch der Autor sich zu der Obsession durch die Phantasmen des Stoffs äußert: “Wer erzählt mir diese Geschichte, wer erzählt das für mich? - Kein Fischkutter, auch keine Vögel, keine Mulattinnen, die deine Kapitel verbessern, António, du wachst mit dem Roman auf, schläfst mit dem Roman ein, und Marina, die du geschaffen hast, lässt nicht locker in dir (...) diese Erzählung, die mehr noch als die anderen zu einer Krankheit geworden ist, die dich auffrisst und die du nicht zu heilen vermagst (....)“. Lobo Antunes geht sogar für einen Moment so weit, seiner Poetisierung ironisch in Wort zu fallen, als er - wie schon in einem anderen seiner Romane - das “Schluchzen der Pfauen” herbeiphantasiert und seine Figur Marina dem Schriftsteller entgegnet: “Hier gibt es keine Pfauen, wie sollte es angesichts von soviel Hunger Pfauen geben?“ und kurz darauf fortfährt: “ (....) meine Stimme ersetzte den Fischkutter, den Wind, die Pfauen (in einem anderen Buch bist du wohl mit den Pfauen gut klargekommen?)“.In Summa: eine nicht nur faszinierend gefährliche, sondern auch gefährdete literarische Gratwanderung in unwegsamem narrativem Gelände; vermint - wie Angola heute.P.S. Es könnte sein, dass das Motto, das António Lobo Antunes auch diesem wie vielen seiner Bücher vorangestellt hat und dem, wie oft schon vorher, der leicht variierte rätselhafte Titel entnommen wurde, den literarisch riskanten Charakter dieses Romans so treffend umreißt, ja sogar definiert - wie noch nie zuvor: als eine kaum entzifferbare Botschaft aus dem innersten Bereich einer in Schweigen versunkenen verstörten Seele. Wolfram Schütte Lobo Antunes: “Guten Abend ihr Dinge hier unten”. Roman. Aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Glossar versehen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand-Literaturverlag, München 2005. 750 Seiten, 24.90 ¤
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