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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:20

 

Benjamin Berton: Wildlinge

15.01.2006

Junge Hunde, kalter Fisch und die soziale Frage

Benjamin Berton gibt in seinem Erstling ein einfühlsames Porträt junger Außenseiter und ganz nebenbei eine Lehrstunde in kritischer Theorie.

 

„Für Geld mit alten Belgierinnen zu schlafen, das ist keine Schande. Erst dann, wenn sie schlecht zahlen oder ihr Hintern faltig ist, wie ein alter Putzlumpen.“ Es läßt sich wohl schwerlich ein furioserer Anfang für die Lebensbeschreibung eines Fünfzehnjährigen denken, wenn man schockieren will. Mémé und seine Freunde prostituieren sich am Wochenende bei Gelegenheit, um Geld fürs Kino, Hasch oder neue Fußballschuhe zu verdienen und auch, weil sie sich dabei so gewollt fühlen, wie sonst nie in ihrem Leben.
Was geht in den Köpfen solcher Jungendlicher vor, wie denen, die in Paris kürzlich die Straßen brennen ließen? Fast möchte man den Eindruck haben, Berton weissagte in seinem 2000 in Frankreich erschienen Roman die Pariser Krawalle. Er tut das aber nicht in der lakonischen Lebensschilderung seiner Protagonisten, die er wie junge Hunde durch die Straßen, Spielplätze und Jugendzimmer einer nordfranzösischen Kleinstadt streifen läßt, sondern nach einer bestimmten phänomenologischen Methode.

Kein richtiges Leben im falschen
Berton geht dabei davon aus, daß „Geschichte“ als „Reflex“ auf „unwesentliche Fetzen des Lebens“ entsteht, „und weniger als Beleuchtung im eigentlichen Sinne“. Letztere möchte der Autor aber leisten. So entsteht oberhalb der Handlungsebene, die über alles verfügt, was das Leben zu bieten hat, eine Metaebene, in der Berton die Vorgänge, Gedanken und Empfindungen der beteiligten Personen in einem Sinne interpretiert, der dem nahe kommt, was in Deutschland mal Frankfurter Schule hieß. So finden sich, neben den sattsam bekannten Stereotypen der Unterdrückung des Individuums durch die Produktionszusammenhänge und seine vielleicht aussichtslosen Ausbruchbemühungen (das sind die Streifzüge der Wildlinge), auch die Variationen der Glücksmomente in kritischer Perspektive. Adornos „Sûr l’eau“ etwa, die freie Träumerei auf der Luftmatratze aus den „Minima Moralia“, taucht hier wiederholt als die Angelleidenschaft Mémés auf, die Spaß macht „weil es eben keine rentable, wirtschaftlichen Zwecken unterworfene Sache ist“, sondern frei „vom Produktivitätsdenken und den Knebeln juristischer, personeller und technischer Zwänge“. Daß als solches hier just das Angeln fungiert – von dem bereits Marx sagte, es wäre das, was der Mensch, nach gelungener Inbesitznahme der Produktionsmittel und ausreichender Technisierung, tun könne: von der Maschine wegtreten und Angeln gehen – ist sicherlich kein Zufall. Marx illustriert in der bekannten Stelle den Gedanken aus Hegels Rechtsphilosophie, daß mit dem Mechanischwerden der Arbeit – neben allen Abhängigkeiten, die es hervorbringt – am Ende möglich wird, „daß der Mensch davon wegtreten und an seine Stelle die Maschine eintreten lassen kann“ (§ 198), mit der romantischen Vorstellung des Fischengehens. Berton greift das in Mémés Angelleidenschaft auf, die als Negation aller Zwänge aus seinem sonst so bedrängten und mit falschen Glücksversprechen vernebelten Leben aufscheint, überführt diese Freiheit aber wieder in den faulen Kompromiß eines abhängigen Lebens – Mémé wird, wegen seiner Leidenschaft fürs Angeln, vom Arbeitsamt in eine Ausbildung zum Fischgroßzuchtgehilfen gesteckt. Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen.

Befreiende ästhetische Erfahrung
Die bei Adorno befreiende ästhetische Erfahrung findet sich bei den Personen als sexuelle, soll sich aber wohl beim Leser durch die Lektüre einstellen, was aber der bloße ästhetische Reiz des Romans allein nicht leistet, sondern erst durch jene Reflexion geschehen kann und soll. Zumeist geht der Erzähler aus der Schilderung von Mémés Gedanken unvermittelt in die kritische Reflexion über, was anfangs befremdet, insgesamt aber den schönen Effekt hat, (meist) vergnügliches Leben mit sozialkritischer Reflexion zu verknüpfen, ohne den moralische Zeigefinger oder die trockene Ödnis sonstiger Werke dieser Provenienz zu eignen. Erfreulicherweise geht Berton die mittlerweile grassierende Betroffenheit gänzlich ab.
Nicht zuletzt deshalb ist sein Roman eine sehr stimmige, atmosphärisch dichte und gleichwohl liebevolle Hommage an die Jugend, die etwas mehr will, als nur zu unterhalten – aber auch das souverän meistert.

Björn Vedder


Benjamin Berton, Wildlinge, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Roman, DuMont, 2005, ISBN 10: 3-8321-7852-2, 19, 90 Euro.

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