Carlo Levi: Die Uhr
21.01.2006
Großer römischer Albtraum
Fünfundfünfzig Jahre nach seinem Erschienen erreicht uns, erstmals ins Deutsche übersetzt, der Roman “Die Uhr” von Carlo Levi, dem weltberühmten Autor von “Christus kam nur bis Eboli”. Der 1902 in Turin geborene und 1975 in Rom gestorbene Arzt und Maler beschreibt darin wie kein zweiter italienischer Autor seiner Zeit Rom 1945. “Die Uhr” ist ein monumentales Buch der Bilder, Anekdoten und Charaktere und eine phantasmagorische Momentaufnahme der “Stunde Null” nach dem Ende des Faschismus.
Carlo Levi ist weltbekannt als der Autor eines einzigen, 1945 erschienenen Buches, dessen Titel sprichwörtlich geworden ist, wenngleich heute kaum noch jemand es kennt, der vielleicht noch seinen Titel zitiert: “Christus kam nur bis Eboli”. Der Satz ist eine Redensart lukanischer Bauern, die damit sagen wollen, dass sie in ihrer archaischen Welt der Armut und Arbeit, welche die geschichtlichen Veränderungen Europas nicht erreicht hatte, keine Menschen geworden sind; denn “Christ” bedeutet in ihrer Sprache “Mensch”.
Der 1902 in Turin geborene (& 1975 in Rom gestorbene) antifaschistische Arzt und Maler war nach mehreren Verhaftungen 1935 für mehrere Monate nach Lukanien, in den äußersten Süden Italiens, verbannt worden und hatte, als hochgebildeter norditalienischer Links-Intellektueller, in diesem gesellschaftlich und ökonomisch zurückgebliebensten Teil Italiens eine bewegende menschliche und gesellschaftliche Erfahrung unter den “Contadini” gemacht, die ihn ein für alle mal prägte. Er hat sie, im Untergrund als Mitglied der italienischen Resistenza, am Kriegsende niedergeschrieben und damit einer von Gott und der Welt vergessenen Region zu einer literarischen Präsenz verholfen, deren Eindrücklichkeit, aufgrund von Levis wacher Sensibilität und mitempfindlicher Aufmerksamkeit, dem Buch nicht nur im Nachkriegsitalien, sondern weltweit zu einem lange anhaltenden Erfolg verhalf; vor allem aber die bis heute währende vielfältige “Ungleichzeitigkeit” zwischen dem italienischen Norden und dem “Mezzogiorno” in seinem sprichwörtlich gewordenen Satz: “Cristo si è fermato a Eboli” zu einem Begriff werden ließ. Francesco Rosi hat das wunderbare Buch mit Gian Maria Volonté in der Hauptrolle später verfilmt).
Aber Carlo Levi, der mit seinem, gleichfalls aus Turin stammenden jüdischen Namensvetter Primo Levi, nicht verwandt ist, hatte noch ein zweites Buch geschrieben, das jetzt erst auf deutsch erschienen ist. Die Übersetzerin Verena von Koskul berichtet in ihrem Nachwort, der 1950 erschienene Roman “Die Uhr” sei zur Zeit seines Erscheinens zwar für den renommierten “Premio Viareggio” nominiert, aber unter skandalösen politischen Umständen übergangen worden.
Carlo Levi war 1945 als Direktor der Zeitung “Italia Libera” nach Rom gekommen und hatte aus nächster Nähe miterlebt, wie der Versuch eines radikalen politisch-gesellschaftlichen Neuanfangs nach dem Faschismus sehr schnell an den fortdauernden politischen, mentalen und sozialen Realitäten scheiterte und das im Kampf gegen Mussolini und Nazideutschland geschmiedete Bündnis des bewaffneten Widerstands im Intrigengerangel der einander bekämpfenden Parteien - von den Neofaschisten über die Democrazia Cristiana bis zu den italienischen Kommunisten - zerbrach. Nach einer nur fünfmonatigen Amtszeit trat der linksliberale Partisanenführers Ferruccio Parri im November 1945 vom Posten des ersten Ministerpräsidenten der Nachkriegszeit in Italien zurück und der katholische Politiker Alcide de Gasperi begründete danach die jahrzehntelange DC-Herrschaft mit Unterstützung des Vatikans und der USA.
In seiner 1947/49 geschriebenen “Uhr” beschreibt Levi, der als unabhängiger Linker später mehrfach Senator war, u.a. wie schnell & unwiderruflich die Zeit der Volksfront-Träume abgelaufen ist. Als sein Buch 1950 erschien und sich zahlreiche zu Amt & Würden gekommene Politiker aller Fraktionen darin unvorteilhaft porträtiert sahen, glich “Die Uhr” einer zeitversetzt zündenden politischen Bombe, die gemeinsam von den Nutznießern der italienischen Restauration entschärft wurde, was bis in die Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auch blendend gelang.
“Ein Meisterwerk, das mit den Jahren gewinnt”
Erst heute wird Rang & Eigenart des solitären Buchs auch in der italienischen Literaturkritik anerkannt. Dem italienischen Publizisten und Kritiker Goffredo Fofi erscheint es “wie ein Meisterwerk, das mit den Jahren gewinnt” und “nicht aufhört, uns zu sagen, wer wir sind, woher wir kommen und vielleicht auch, wohin wir gehen”. Italo Calvino sprach davon, dass “Die Uhr” Carlo Levis “komponiertestes Buch” sei, “dessen Seiten zu den schönsten, lebendigsten und facettenreichsten seines gesamten Schaffens gehören”. Jedoch der deutsche Italianist Johannes Höfle spricht in seiner Geschichte der “Italienischen Literatur der Gegenwart“ allerdings auch von Levis “mitunter bis zur Peinlichkeit gesteigerten Egozentrik” und nennt “Die Uhr” einen “zu Unrecht als Roman bezeichneten autobiographischen Bericht”.
Wer das Buch nun in der adäquaten Übersetzung Verena von Koskulls gelesen hat, wird alles widersprüchlich Gesagte bestätigen. Denn: “Die Uhr“ ist ein autobiografischer Bericht, der z.B. bis in die eindrucksvolle Schilderung des kriegsmobilisierten Frankreichs ausschweift, den der Emigrant Levi erlebte, der in dem Buch als “Dott. Carlo” und in seiner Funktion als Zeitungsdirektor angesprochen wird. Es ist auch das Zeugnis einer “gesteigerten Egozentrik”, indem Levi seine eigene Sozial- & Gesellschaftstheorie totalisiert: zum ewigen Kampf des menschlichen, handfesten, solidarischen bäuerlich-handwerklichen Volks (der “Contadini”) gegen die raffiniert-heimtückischen “Luigini”, genannt nach einer faschistischen Figur seines “Christus kam nur bis Eboli”(!), wobei in den “Luiginis”, die “alle Kniffe der Kunst (beherrschen), die Dinge in Worte umzumünzen, sich dieser zu bemächtigen und deren Sinn nach Belieben zu verkehren”, sämtliche negativen Eigenschaften des Politischen und Bürgerlichen, alle “Gerissenheiten” und Heucheleien der Bürokratie, der Monarchie, des Klerikalismus und des Faschismus vereint sind.
Levis aus der Utopie der Resistenza stammende, von seiner lukanischen Empathie erleuchtete Mythisierung des “blutvollen” Volks, das von der zentralistischen Moderne der “blutleeren” politischen, städtischen, ausbeuterischen Kaste der Lügner & Betrüger ausgesaugt und um die Früchte seines antifaschistischen Kampfes gebracht wird, ist nicht frei von antiintellektuellen, sentimentalen Ressentiments seiner Zeit, hat aber als polemisches Modell noch bis zu Pasolinis Klage über den Untergang des “bäuerlichen Italiens” und Pasolinis Hass auf den kapitalistischen Konformismus und Konsumismus nachgewirkt - nicht zuletzt durch die Wahl des Drehorts Lukanien als Palästina in Pasolinis sozialrevolutionärem “Evangelium nach Matthäus”.
Autobiografie wird zum literarischen Mythos
So sehr jedoch Carlo Levis “Uhr” genauso autobiografisch unterfüttert ist wie sein “Christus kam nur bis Eboli”; und wie augenscheinlich er damit seiner ersten Erfahrung im Faschismus diese zweite unmittelbare nachfaschistische zur Seite stellen und dem ersten Blick in die äußerste Peripherie Italiens den zweiten Blick auf das Zentrum Rom folgen lassen wollte: - mit der “Uhr” ging er literarisch über die Form des erlebten Berichts weit hinaus. Unverkennbar hat das Buch, dessen Geschehnisse auf wenige Tage (die vor allem Nächte sind) zusammengedrängt werden, aber auch den Zug & Willen zu einem mythologischen Panorama-Bild Italiens im Augenblick seiner Zerstörung und seiner (versäumten, verspielten) Wiedergeburt in Freiheit und Gerechtigkeit.
Die titelgebende Uhr, die der Ich-Erzähler in Rom zur Reparatur gibt, verliert und am Ende des Buchs in Form eines Erbstücks, das ihm der gerade in Neapel gestorbene, geliebte onkels aus Turin hinterlassen hat, wieder zufällt, symbolisiert die stehende Zeit, in die man als Leser des Buches eintritt und von Levi mitgenommen wird zu den Schauplätzen seines Buches. Ja, es ist ein Roman der Schauplätze, nicht einer der Handlungen, ein Buch der Beschreibungen und Gespräche, eine Folge von Genre- Szenen und Schreckens-Szenarien, von historischen Erzählungen und philosophisch-politischen Reden. Es ist vor allem das Buch eines Malers & Hörers, der uns dunkel glühende Monumentalgemälde vor Augen stellt und akustische Partituren zum Erklingen bringt.
Wenn Levis Beschwörung der “Stunde Null” Italiens mit einer surrealistischen Geräuschskulisse des nächtlichen Roms beginnt und damit endet, so wird damit der durchgängige Ton seiner durch und durch poetischen Evokation eines großen Panoramas angeschlagen: “Nachts in Rom scheint es, als höre man Löwen brüllen. Einem unbestimmten Raunen gleich, erfüllt der Atem der Stadt die hier und da funkelnde Finsternis zwischen den schwarzen Kuppeln und den fernen Hügeln; manchmal heiser dröhnend, wie Sirenen, als wäre das Meer nicht weit und als verließen Schiffe den Hafen auf dem Weg zu unbekannten Horizonten. Und dann dieser Laut, vage und wild zugleich, grausam und doch sonderbar sanft, das Brüllen der Löwen, in der nächtlichen Wüste der Häuser”.
Was so anhebt, klingt derart aus: ”Durch das Fenster drang der Schlag einer fernen Kirchturmsuhr herein. Ich sah hinaus. Die Stadt lag da, im blassen Schein des Mondes, lebendig, atmend und von einem vagen Wispern erfüllt wie das Laub eines uralten Waldes, an dem kaum merklich ein leiser Windhauch rührt. Gespannter lauschte ich in die flüsternde Stille hinaus und vernahm von weither aus den Straßen - oder aus den Tiefen der Erinnerung? - das geheimnisvolle Raunen der Nacht, das Brüllen der Löwen wie Meeresrauschen, das in einer leeren Muschel verhallt.“ Zwischen diesen beiden Nachtstücken erstreckt sich auf 480 Seiten eine schwelgerische, sinnliche, sinnbildliche und detailgesättigte Beschreibungsorgie des katastrophalen Lebens im gerade erst befreiten Rom, seinen ins Ländliche ausfransenden schmutzigen Vorstädten bis nach Ostia.
Levi betrachtet und beschwört das Rom seiner Zeit wie ein Ethnologe, Historiker und poetischer Stadtstreicher. Die Arkaden Turins, seiner Geburtstadt, seien der ideale Ort für peripatetische philosophische Gespräche gewesen; aber Rom lade zum Sehen der Fülle des Lebens ein, des Menschenlebens: in engen Gassen, lauten Straßen, dunklen Treppenhäusern, verräucherten Kneipen, muffigen Kellern, in Absteigen und riesigen Palazzi, über deren Treppen und Stockwerke die amerikanischen Besatzer mit ihrem Jeep fahren, wie ein verrückter Maler im 19. Jahrhundert, der mit seinem Pferd und einem aus Ostia eingeschleppten Sack mit Vipern durch den Palazzo geritten war.
Levi ist ein Menschensammler wie Petrus
Levi greift, wenn´s ihm passt, weit in die Vergangenheit oder die eigene Erinnerung zurück, wird als Gegenwarts-Erzähler anekdotisch, pathetisch, sentimental oder krass realistisch. Man sieht ein Rom vor sich, ruinös und antik, einsam wie eine Totenstadt, quirlig wie ein Menschentrubel, einem grandiosen Bilderteppich gleichend, an dem viele mitgewebt haben (oder ihn später wieder für ihre eigenen ikonographischen Phantasmagorien aufgedröselt haben): Rossellini mit “Roma, città aperta” sowohl wie Fellini viel später mit seinem “Roma“. Da verteidigt ein vor Angst verrückter Hund bis zur Erschöpfung bellend und zähnefletschend seinen im Treppenhaus des weitläufigen Palazzos verendeten Säufer-Herren - und ein Schäfer treibt seine Herde durch die engen Straßen des nächtlichen Roms. Carlo Levi ist als Erzähler ein Menschenfischer wie der Petrus des Neuen Testaments: die Galerie seiner Porträts ist gewaltig, barock, grotesk und herzbewegend.
Nachdem der Selbsterzähler Zeuge des im Parlament verkündeten Rücktritts des Ministerpräsidenten wurde (ein ätzend-satirisches Panorama der politischen Klasse und ihrer Intrigen), begibt er sich im letzten Drittel auf eine ebenso abenteuerliche wie komische Reise zu dem sterbenden onkel nach Neapel, wo er unter Lumpen und in tragischer Beleuchtung einen antiken Menschenschlag “fahrender Götter“ wahrnimmt und im “Oval der Frauengesichter, klassisch und vertraut zugleich, die Erhabenheit von Göttinnen unter der bescheidenen Natürlichkeit der Armen und ihrer alltäglichen Gefühle verborgen” zu sein scheint. Die bunt aus allen Klassen und Regionen zusammengewürfelte Reisegesellschaft auf der Ladefläche eines erst keuchenden, dann im Niemandsland zusammengebrochenen und zuletzt abgeschleppten Lastwagens führt (natürlich wieder nächtlich!) durch wildes Brigantengebiet (wie John Fords “Stagecoach”-Western durchs Indianerterritorium), vorbei an zerstörten Landstädten, gefilzt von den Carabinieri und begleitet von der erregten Diskussion der wundergläubigen Bauern und Seeleute, die sich darüber streiten, welcher Heilige sie denn nun vor den Schüssen der Wegelager bewahrt habe und welches geschmuggelte Gut von den Kugeln durchsiebt wurde. Wunder- & Aberglaube des Mezzogiorno.
Carlo Levis monumentale erzählerische Momentaufnahme Roms und des südlichen Italiens im Augenblick seiner Befreiung und gescheiterten Neuerfindung ist ein seltsamer Bilder-Solitär und erzählerischer Findlingsblock in der italienischen Nachkriegsgeschichte. Stilistisch, metaphorisch und physiognomisch (im Hinblick auf seine Personencharakterisierungen) gehört “Die Uhr“ - als literarische Übersetzung einer malerischen Visualität - eher dem literarischen Artikulations-, Beschreibungs- & Reflexionsuniversum des französischen Romantikers Victor Hugo an, als der literarischen Zeitgenossenschaft von Carlo Emilio Gadda oder Italo Calvino. Paradoxerweise gelingt Carlo Levi aber durch diesen ästhetischen Rückschritt, mit sowohl satirisch-groteskem Humor wie pastos-pathetischen Pinselstrich in der Manier des 19. Jahrhunderts, eine noch heute kraftvolle, vielgestaltige, dichtete realistische literarische Phantasmagorie. Glanz & Elend Italiens sind hier wie in einer barocken Wunderkammer durcheinander geschüttelt und anekdotisch vereint. Was für ein großartiger Albtraum!
Wolfram Schütte
Carlo Levi: Die Uhr. Roman. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Aufbau Verlag, Berlin 2005. 488 Seiten. 24.90 ¤
|
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Sorry wegen dem Auge
Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Ein Geheimtipp der deutschen Literatur
Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...
Seid umschlungen Millionen
Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Lämmer in der Obhut von Wölfen
Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...
Schweizer Käse!
Fromage suisse!
Swiss Cheese!
Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
|