Tilmann Rammstedt: Wir bleiben in der Nähe
22.01.2006
Zeitlos langweilig
Der gebürtige Bielefelder Tilman Rammstedt lebt als Musiker und Schriftsteller in Berlin. In seinem neuen Roman demonstriert er, dass ungeplante Entführungen das beste Mittel sind, alt und schal gewordene Freundschaften wieder in Schwung zu bringen.
Man kann natürlich auch einfach ein Bündel Blumen ordern, zum Telefon greifen oder einen Brief schreiben, und genau damit fängt es hier auch an – ein unverfängliches Telefonat, ein unverbindliches Schreiben, mit dem Katharina ihren alten Freunden Konrad und Felix ihre baldige Hochzeit ankündigt. Zwar hatten beide irgendwann mit Katharina geschlafen, nun aber sie und auch sich gegenseitig über die Jahre aus den Augen verloren. Aufgeschreckt durch die freudige Nachricht von ihrer alten Geliebten, beschließen die beiden Freunde kurzfristig eine Rettungsaktion für die hinfällige Ménage à trois und brechen von Berlin nach Hamburg auf, um sich der Hochzeitsfeier in den Weg zu stellen: „Dass Katharina, Konrad und ich zusammen drei ergeben, ist also nicht das Komplizierte, das kann gar nicht das Komplizierte sein, weil es doch allein darum geht, um die Drei, weil sie als einziges feststeht und alles andere unweigerlich misslungen ist.“
Konfusion ohne Motivation Argumente freilich haben sie nicht, außer eben dem abstrakten Wunsch, ihre alte Freundschaft aufzuwärmen, auch um ihren eher verpeilten, erfolgsfreien Leben wieder etwas Struktur zu verleihen. Diese Lebensstruktur hat Katharina natürlich schon, ohne dabei Felix und Konrad überhaupt eingeplant zu haben, deren Besuch sie weder erwartet noch begrüßt. Die Gespräche versanden schnell, ungeachtet mehrerer Flaschen Rotwein, und unvermittelt tun Felix und Konrad das ihnen scheinbar naheliegendste, setzen Katharina unter Drogen und verfrachten sie im Auto in ein kleines Ferienhaus in der Normandie. Dort entnerven sich die Drei dann anschließend eine Woche, bis Konrad die Entführung für gescheitert erklärt: „Konrad hat vorgestern beim Frühstück endgültig die Seiten gewechselt.“ Das aber wird von Katharina verhindert, die mittlerweile - Patty Hearst lässt grüßen, Gefallen am Entführungsgeschäft gefunden hat: gemeinsam mit Felix betäubt sie Konrad und verschleppt anschließend ihn. Damit endet dann auch eine konfuse Geschichte, die trotz wiederholter Versuche ohne jegliche Motivation, ohne jeglichen Antrieb bleibt, um so mehr, da sich die Kommunikation zwischen den Protagonisten, vor wie während der Entführung, auf ein zaghaftes Minimum beschränkt. Zwar scheint über allem eine tiefe Freundschaft zu stehen, die auch einen radikalen Schritt rechtfertigt, irgendwie plausibel gemacht wird sie aber nicht, auch nicht in den stotternden, holprigen Monologen des Ich-Erzählers Felix, die immer wieder eine bessere, freundlichere Vergangenheit herauf beschwören, in der das Leben außer besserem Sex aber auch nicht viel abgeworfen zu haben scheint. Auch das Entführungsopfer gibt hier nicht viel mehr preis – mehr als handgeschätzte 25 Worte werden Katharina im Lauf der Geschichte nicht zugebilligt und ihre Charakterisierung durch den Erzähler beschränkt sich auf die Beobachtung, dass sie sich aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund gegen ihre Verschleppung in die Normandie wehrt: „Ich bin nicht enttäuscht, ich bin verzweifelt. Wir haben uns all die Mühe gegeben, und von Katharina kam nichts.“ Ihr Stimmungsumschwung kommt plötzlich und unbegründet, so wie in diesem schlecht gezimmerten Plot überhaupt vieles „einfach so“ geschieht. Rammstedts beinahe lyrisches Sprachgefühl, seine spielerische Fähigkeit, immer wieder beiläufig gefällige, leichte Phrasen einzustreuen, kann die Tatsache, dass er seinem Roman einen allzu mageren Plot verpasst, eine zeitlos langweilige Geschichte, die dann auch noch langweilig runter erzählt wird, nicht überdecken.
Daniel J. Gall
Tilmann Rammstedt: Wir bleiben in der Nähe. DuMont Verlag, Köln 2005. Gebunden, 237 S., 19,90 Euro. ISBN 3832179399.
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