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Yôko Ogawa: Das Museum der Stille

22.01.2006


Das Museum der Stille

Yoko Ogawa dampft in ihrem neuen Roman die Geschichte auf geradezu magische Weise zu einer zeitlosen Parabel ein, die bannt und gefangen nimmt.

 

Eine vollkommene Stille liegt über den Gegenständen. Nichts ist wahrzunehmen außer der Brown’schen Molekularbewegung der Erinnerung. Sie schwingt in einem ungewöhnlichen Museum mit einer außerordentlichen Ausstellung, einem Museum mit einem ganz besonderen Auftrag.
Die alte Frau hatte den Plan, sie will dem Vakuum, der beim Tod eines Menschen entsteht, ein Schnippchen schlagen. “Für jedes Menschenleben, so unbedeutend es auch sein mag, gibt es ein Erinnerungsstück.” Dieses gilt es zu erfassen, zu ordnen und zu katalogisieren. Dabei darf es keine Halbherzigkeiten geben, von jedem Verstorbenen aus dem Dorf wird ein persönlicher, charakteristischer Gegenstand gesammelt, um so die Erinnerung an ihn zu bewahren. Der junge Mann, der für diese Arbeit angeworben ist, merkt bald, dass seine Tätigkeit über eine übliche Konservierung hinausgeht. Man erwartet von ihm, dass er die Erinnerungstücke der jüngst Gestorbenen besorgt, sie notfalls stiehlt. Entgegen seinem Widerwillen, findet er mehr und mehr Gefallen an dem Vorhaben das Museum zu einem Zufluchtsort einer vergangenen Welt zu machen. Bis er an den Tatorten eines Serienmörders gesehen wird und man ihn verdächtigt.

Das Ende der Welt ist ein düsterer und abgründiger Ort, das Sterben der einsame Weg dahin. Wie bewahrt man die Erinnerung an die Verstorbenen? Was bleibt von ihnen übrig? Ein Zeugnis zu haben, für die zweifelsfreie physische Existenz einer Person, könnte ein guter Trost für diejenigen, die gehen müssen und diejenigen, die dableiben, sein. Doch was und wie soll man wählen? Tröstliches, überflüssiges? Was ist Persönliches eingraviert in die Gegenstände der Toten? Was macht einen Gegenstand aus, der so gut wie kein anderer das Charakteristische eines vielleicht unbedeutenden, unbeachteten Lebens besitzt?

Lotsin der Erinnerung

Wie schön wäre es, jemanden zu haben, der einem Auskunft zu diesen Fragen geben könnte. Jemand, der die Dinge, die über den Rand der Welt geglitten sind, wieder aufsammelt und ihnen ihren Wert zurückgibt. Die japanische Autorin Yôko Ogawa wird für uns zur Lotsin der Erinnerung. Mit Leichtigkeit und Spannung nimmt sie uns mit auf einen Weg, der zwischen Fantasie und Wirklichkeiten Möglichkeiten des perfektionierten Bewahrens aufzeigt und gleichzeitig den Tod der Idee durch eine vollendete Ausführung. Und sie zeigt, dass es Vollkommenheit nicht gibt, nicht im Tod und nicht im Leben. Perfekt.Ist es im Kino momentan Lars von Trier, der Geschichte zu zeitlosen Parabeln eindampft, könnte es in der Literatur Yôko Ogawa sein, die ein reduziertes, universelles Setting erstellt, in dem man dem Herzschlag basaler Lebensäußerungen lauschen kann, Grausamkeit, Liebe, Verrat, Angst. Doch anders wie bei von Trier ergibt sich daraus ein poetischer Rhythmus, der von Hoffnung kündet. Man möchte es besuchen, dieses Museum, seine Stille genießen. Seine skurrilen Exponate bewundern, die von der Merkwürdigkeit ganz normal geführter Leben berichten und dem Wunsch, etwas möge davon übrigbleiben.

Maggie Thieme


Yôko Ogawa: Das Museum der Stille.
Aus dem Japanischen von Ursula Graefe und Kimiko Nakayama-Ziegler.
Liebeskind, München 2005,
348 S., 22 Euro.
ISBN : 3-935890-31-1

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