Johanna Sinisalo: Troll: Eine Liebesgeschichte.
30.01.2006
Fantasy-Punk
Johanna Sinisalo erzählt die Geschichte vom wilden Troll, der in einer Großstadtwohnung landet und das Leben des schwulen Fotografen Angel umkrempelt.
Irgendwo oben in Finnland soll es Trolle geben. Viele finnische Märchen und Sagen erzählen von diesen wilden panskandinavischen Raubtieren. Der finnischen Schriftstellerin Johanna Sinisalo gelingt es, uns das Wesen der Trolle näher zu bringen.
Der Roman „Troll: Eine Liebesgeschichte“ wurde mehrfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Ein Buch für literarisch interessierte Fantasy-Fans, die auch einmal Anspruchsvolles fern von den im Genre üblichen Stangenromanen lesen wollen. Mit vielen authentischen sowie auch fiktiven Quellen lässt uns Sinisalo an die Existenz des Felipithecus trollius glauben. Fast möchte man sich aufmachen in die finnischen Wälder und nach diesen menschenscheuen Tieren suchen, von denen es noch 400 Exemplare in Finnland geben soll.
Perspektivenwechsel als Stilmittel
Ausschnitte aus Lexika und Naturgeschichtebüchern, aus Märchen und Gedichten webt Sinisalo geschickt in ihren Roman ein. Ein Roman, der aus zahlreichen kurzen Momentaufnahmen besteht, jede Aufnahme aus der Sicht unterschiedlicher Personen. Einmal schlüpfen wir in die Haut der Sklavin Palomita, dann des Fotografen Mikael, genannt Angel, seiner Freunde Ecke sowie Doktor Spiderman. Der ständige Perspektivenwechsel erinnert an eine schnelle Schnitttechnik im Film. Wie in aneinander gereihten Filmszenen entwickelt sich die Handlung.
Der schöne Angel findet eines Nachts ein verletztes Trolljunges, das von einer Gruppe Jugendlicher gequält wird. Er nimmt das junge Tier mit in seine Wohnung. Heimlich. Denn Raubtiere in einer kleinen Großstadtwohnung sind nicht erlaubt. Vorsichtig recherchiert Angel, was denn Trolle so fressen. Je mehr er über die wilden Bestien erfährt und je länger er mit dem kleinen Trolljungen, der einen so starken Geruch verströmt, zusammenlebt, desto mehr verfällt er dem Troll. Gleichzeitig muss er feststellen, dass er es mit einem ziemlich teuflischen Wesen zu tun hat.
Seltsame Liebesgeschichten
Gerade die Mischung aus Mythen und Erzählsträngen in einem durchaus poppigen Szenario macht den besonderen Reiz dieses Buches aus. Der Untertitel verheißt eine Liebesgeschichte. Verwundert muss man feststellen, dass die tierische Liebe Angels zum Troll gemeint ist, die Liebe des Menschen zum Wilden, Animalischen. Jedenfalls steht Angels Hingabe zum Troll in einem spannenden Verhältnis zu den anderen Beziehungen im Roman, die so gar nicht mit Liebe erfüllt sind, eher mit Unterwerfung, Ausnutzung und Oberflächlichkeit.
Einen Namen gemacht hat sich Sinisalo bisher als feministische Science-Fiction- und Fantasy-Autorin. Die 1958 im finnischen Lappland geborene Schriftstellerin studierte vergleichende Literaturwissenschaften und Drama an der Universität von Tampere. In den 80er Jahren begann sie Erzählungen zu veröffentlichen, allesamt aus dem Science-Fiction und Fantasy-Genre. Der Roman „Troll“ ist ihr erster Roman, mit dem schönen Originaltitel „Ennen päivänlaskua ei voi“ erschienen im Jahre 2000, ausgezeichnet mit dem Finlandia Award, dem James Tiptree Jr. Award und dem International IMPAC Dublin Literary Award. Der Tropen Verlag hat sich der deutschen Ausgabe angenommen.
Maria-Bernadette Ehrenhuber
Johanna Sinisalo: Troll: Eine Liebesgeschichte. Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Tropen Verlag 2005, Gebunden, 264 Seiten, 19,80 Euro. ISBN 3932170741