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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:21

 

Zakes Mda: Die Madonna von Excelsior

30.01.2006

Packende Familiengeschichte

Nach drei Jahrzehnten im Exil kehrte der vielfach ausgezeichnete südafrikanische Autor Zakes Mda 1995 in sein Geburtsland zurück. In diesem Roman verfolgt er die sozio-politische Entwicklung Südafrikas von 1970 bis in die Gegenwart und spannt auf dieses Gerüst eine packende Familiengeschichte, die erst gar nicht versucht, ein Epos zu sein.

 

Kein Epos, mehr schon eine Geschichte wechselseitiger Unterdrückungen auf verschiedenen sozialen Ebenen – Engländer gegen Afrikaaner, Afrikaaner gegen Afrikaner, Mann gegen Mann, Mann gegen Frau und im Zweifel jeder gegen jeden. Das sind im Groben die Strukturen, die das Zusammenleben in Excelsior prägen, einem kleinen Ort in der süfafrikanischen East Cape-Provinz, der den größten Teil der Handlung beherbergt. Restriktive Rassengesetze, die zwar nicht den Kontakt, aber doch den Sex, zwischen Schwarz und Weiß unter Strafe stellen, bestehen zu Beginn der 70er Jahre in ganz Südafrika, werden aber überall - auch in Excelsior - gründlich missachtet, hauptsächlich von weißen Männern, die ihre schwarzen Untergebenen ohne weiteres in sexuelle Abhängigkeiten zwingen können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen: legale Sanktionen werden wie selbstverständlich nur an die ausgenutzten schwarzen Frauen weitergegeben, die in Excelsior bald als „Excelsior 19“ firmieren – eine davon ist Niki, Protagonistin des Romans, die der merkwürdig distanzierte (und als Abkömmling einer der besagten 19 Frauen doch involvierte) und meist unsichtbare Erzähler mit wohlwollendem Misstrauen als etwas naive, gleichwohl sehr willenstarke Mutter schildert. Geschwängert von Stephanus Cronje, seines Zeichens Fleischermeister des Ortes, muss sie nach der Geburt miterleben, wie ihre Unterdrückung nahtlos weiter gereicht wird an ihre Tochter Popi, die als hellhäutiges Mischlingskind zwar schnell an den Rand der Dorfgemeinschaft gespült wird, immerhin aber eine recht angst- und vorurteilsfreie Kindheit erlebt: auch dafür stehen sinnbildlich die Modell-Sitzungen, die sie mit ihrer Mutter bei einem benachbarten katholischen Priester, Hobbymaler und Nudisten absolviert.

Magischer Realismus und ungemütliche Realität

In seinen spätimpressionistischen Variationen auf das Madonna-Motiv lässt er Farben und Schatten in magisch-realistischer Luftigkeit tanzen und hebt Mutter und Kind für Momente aus der gar zu tristen und staubigen Realität, die sie in seinem Atelier quasi synchron mit ihren Kleidern ablegen: der Priester zeichnet die beiden nackt und bezahlt dafür auch gut, ohne dass der Vorgang als Akt der Prostitution konnotiert wird. Popis Probleme beginnen, als sie und ihre Mutter altersbedingt ihre Rollen als Madonna und Jesuskind verlieren. Die stumpf-friedlichen, weißen Dorfbauern, die sie auch mit ihrer atemberaubenden Schönheit einschüchtert, geben sich nachdrücklich Mühe, ihre Außenseiterrolle als „Boesman“ - Buschmensch - immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, während die schwarze Bevölkerung vorwurfsvoll auf sie zeigt und dabei doch eigentlich die Mutter meint, die sich dem weißen Schlächter ergeben haben soll. Gerade beim Zeichnen dieser Gesellschaftsbilder fährt Mda mit seinem distanziert-involvierten Erzähler die Ernte nach Hause und liefert einen Einblick, wie er aufschlussreicher (und auch ironischer) kaum sein könnte:

Politische Emanzipation

Ihre persönliche Freiheit erlangt Popi erst mit ihrer politischen Emanzipierung, die aus ihrer engen Beziehung mit ihrem - schwarzen - Halbbruder Viliki hervorgeht. Nachdem dieser jahrelang im Untergrund gegen das Apartheidsregime kämpfte, zieht er im Zuge der politischen Reform Südafrikas in den Stadtrat von Excelsior ein und landet schließlich auch auf dem Sessel des Bürgermeisters. Ärgster Widersacher der beiden in dem von gegensätzlichen Partikularinteressen und Grabenkämpfen zerfressenen Rat ist Popis weißer Halbbruder, Tjaart Cronje, der es sich in seiner Opferrolle und in seinen Ressentiments gegenüber den Engländern (so lehnt er das Englische als Protokollsprache vehement ab) und den Afrikanern (von deren Emanzipierung er sich als traditionsvernarrter Burenabkömmling massiv bedroht sieht) gemütlich macht. Erst eine lebensbedrohliche Krankheit öffnet die Tür zu einer vorsichtigen Versöhnung mit Popi, die schließlich ihre gemischt-ethnischen Wurzeln anzunehmen lernt und ihren Halbbruder Tjaart zwar weder in die Arme, noch ins Herz, aber doch in den weiteren Familienkreis einschließt. Ende und Ausblick bleiben mit dieser auch ethnischen Aussöhnung also offen und vorsichtig optimistisch.

Daniel J. Gall


Zakes Mda: Die Madonna von Excelsior. Deutsch von Peter Torberg. Unionsverlag 2005, geb. 320 S., 19.90 Euro. ISBN 3-293-00348-6

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