Laurent Gaudé: Die Sonne der Scorta
05.02.2006
Generationenstudie light
Eine Familie zwischen Tradition, Schweigen und kleinkriminellen Machenschaften: In seinem mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Buch "Die Sonne der Scorta" erzählt Laurent Gaudé hastig die Geschichte von fünf Generationen im italienischen Montepuccio.
Im italienischen Montepuccio lebt seit Generationen die Familie der Scorta, die allen Schicksalsschlägen getrotzt und sich immer wieder von ganz unten nach oben gekämpft hat. Die Familiengeschichte beginnt 1875 mit dem Räuber und Wegelagerer Luciano Malcalzone, der aus Versehen die Schwester der eigentlich Geliebten schwängert und einige Stunden später von den Dorfbewohnern gesteinigt wird. Sein Sohn, Rocco Scorta Mascalzone, hat nicht weniger kriminelles Blut in den Adern, entwickelt sich zum Ausbeuter und Erpresser von Montepuccio, und zeugt drei Kinder, Domenico, Guiseppe und Carmela. Diese versuchen in New York ihr Glück, kehren desillusioniert heim und führen fortan gemeinsam mit ihrem Adoptivbruder Raffaele ein recht bürgerliches und doch kleinkriminelles Dasein als Tabakhändler und Olivenbauer, das – nun in der Gegenwart angekommen – von ihren zahlreichen Kindern später übernommen wird.
Schon beim Klappentext des Romans "Die Sonne der Scorta" des bereits mit zahlreichen Preisen geehrten Schriftstellers Laurent Gaudé sollte man stutzig werden: Über fünf Generationen wird in diesem nur 250 Seiten umfassenden Buch eine Familiengeschichte entwickelt – es ist verständlich, dass dabei tiefgründige Charaktere und nachvollziehbare Erzählstränge auf der Strecke bleiben müssen. Dabei sind die einzelnen Generationengeschichten durchaus interessant und einfallsreich erfunden und die Erzählstruktur wenn auch nicht innovativ, so doch spannend und unkonventionell erdacht. Familiengeheimnisse und ein Leben lang unterdrückte Liebschaften werden in den Vordergrund gestellt und beeinflussen so die Charaktere und das Verhalten der Scortas eher hintergründig und auf eine stille und rätselhafte Art und Weise. Trotz dieses Kunstgriffs fehlt dem Roman jedoch eine innere Spannung, denn durch die zahlreichen Verkürzungen in der Erzählung und die häufigen Zeitsprünge von mehreren Jahren wirken alle Charaktere und Geschichten merkwürdig eilig und huschen so am Leser vorbei.
Die eigentlichen Helden des Romans sind die Dorfpfarrer, die mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten die Geschichte Italiens reflektieren und immer die nächsten Ansprechpartner der Scortas darstellen. Im Gegensatz zu den eigentlichen Protagonisten des Romans – den zahlreichen Scortas – werden sie recht kohärent und glaubwürdig charakterisiert. Dies tröstet jedoch nicht über die zu atemlose und hastige Erzählweise des Romans hinweg: "Die Sonne der Scorta" besitzt einige interessante Ansatzpunkte, scheint vor diesen jedoch mit Zeitraffern und einer extrem distanzierten Erzählweise zu kapitulieren.
Katharina Bendixen
Laurent Gaudé: Die Sonne der Scorta. Roman.
Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Angela Wagner.
dtv premium, 2005.
Taschenbuch. 254 Seiten. 14,50 ¤.
ISBN 3-423-24493-3