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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:21

 

Andrea Rothaug: Frierkind

06.02.2006

Offensiv eingesetzte Körpersäfte

Mit ihrem ersten Roman taucht die in Hamburg lebende Andrea Rothaug aus dem pop- und punkkulturellen Untergrund auf und stellt einen wirr-genialischen, schnellen Roman auf die Bühne, der mit einem Mutter-Sohn-Psychogramm darlegt, warum auch kulturelle Insider ihre Kinder nicht in den Kohlenkeller einschließen sollten.

 

Max Tinker ist Anfang 20, hat wenige Freunde und dabei viele Vorlieben, über die man mit einem fähigen Psychiater gut und lange plauschen könnte – er masturbiert gerne und viel, vorzugsweise auf öffentlichen Damentoiletten, vergräbt seine Hände gerne in frischem Fleisch und hat ein nicht ganz asexuelles Verhältnis zu den Haustieren seiner näheren Umgebung, die er nicht immer erst tötet, bevor er sich an ihnen vergeht. Sein Leben trieft vor offensiv eingesetzten Körpersäften, und die Autorin lässt auch keine halbwegs ernsthafte Möglichkeit aus, ihren Protagonisten alle Register des Ekels ziehen zu lassen: im Einklang mit dem forschen Stakkato, das Rothaugs hektischer, kurz angebundener Stil entfacht, jagt er seine Finger in alle möglichen Körperöffnungen.

Einsam und geborgen in einer wunderlichen Welt
Recht einsam und geborgen in seiner wunderlichen Welt zieht Max Tinker nachts durch Hamburg und kann es selbst nicht so recht fassen, als er bei einer Henry Rollins-Lesung seiner Traumfrau über den Weg stolpert – Natalie, aus Lyon zugereiste Tochter eines Schönheitschirurgen, der so lange in Operationen an ihrem Körper bastelte, bis sie entnervt nach Deutschland floh. Sie gefällt Max: „Er atmete ihre Knie, ihre Pfirsichshampoo-Haare im Nacken ganz weich.“ Außerdem gefällt ihm „die Farbe ihrer Fußnägel maigrün“, und man weiß nicht recht, ob er ihr Haare und Fußnägel nicht einfach ausreißen möchte, um sie in seiner versteckten, kleinen Sammlung von menschlichen Körperteilen abzulegen. Seine Faszination beginnt im Kleinen und scheint erst gar nicht ins Große wachsen zu können, denn sie ist ganz unerreichbar, meint zumindest Max, dessen Angst vor der (eingebildeten) eigenen Unscheinbarkeit nicht eben kontaktfördernd wirkt. Eines Morgens sitzt sie dann unerwartet an seinem Frühstückstisch, eingeladen von Max` Mutter, Holly, die mit jeder Geste und jedem faltigen Körperteil die Karikatur einer alternden Alt-68erin gibt und als unabhängig wohlhabende Alt-Kommunistin jeden Ansatz einer Verbürgerlichung im Keim zu ersticken sucht. Auch deshalb scoutet sie ständig nach kreativem Nachwuchs, den sie vermarkten und in ihre dann doch eigentlich recht altbackene und biedere Vorstellung eines Konzeptkünstlers pressen kann – ihre Neuentdeckung Natalie kann dichten und leidlich singen und zieht fortan als Lyra Papillon ihre Kreise durch verschiedene Hamburger und Berliner Szene-Clubs. Gefährlich wird es für sie erst wieder, als sie sich mehr und mehr in Max verliebt und mit ihm ein vorsichtiges, bürgerliches Glück andenkt, das Holly wie eine Rachegöttin auf den Plan ruft: verschlagen und bösartig setzt sie sich mit Natalies verhasstem Vater in Verbindung und hetzt ihrer Schwiegertochter in spe einen Schlägertrupp auf den fragilen Hals. Max, der mittlerweile als Angestellter in einer Tierhandlung seinen zoophilen Fetischen neue Nahrung verschafft, findet und rettet sie gerade noch rechtzeitig, und beide umarmen sich in ein ausdrücklich bürgerliches Glück. Eine Heilung im klinischen Sinn freilich hat nicht stattgefunden, da hilft auch alle Liebe zwischen Max und Natalie nichts – Max kultiviert nach wie vor seine Perversionen, lenkt und dirigiert sie aber mit Hilfe des bürgerlichen Netzwerkes, in das er sich mit Natalie einschmiegt. Man gönnt ihnen ihr Glück, kommt aber nicht umhin festzuhalten, dass Max in seinen Perversionen doch ziemlich flach und konstant bleibt, während seine Mutter eine eigentlich interessantere Wandlung durchläuft und mit einem ordentlichen Maß an Hass und Intoleranz - sie will Max und Natalie ganz explizit und brutal auseinander dividieren - ihre langkultivierten Ideale über Bord wirft.

Daniel J. Gall


Andrea Rothaug: Frierkind. Eichborn Verlag, Geb., 243 S., 19,90 Euro, ISBN 3821857625

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