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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:22

 

Philip K. Dick: Eine andere Welt

20.02.2006

Orwell lässt grüßen

Die Identität eines Menschen wird in dem modernen Staat durch seinen gesellschaftlichen Status bestimmt. Um so verhängnisvoller ist es, wenn sich einer nicht auszuweisen vermag. In „Eine andere Welt“ drückt Philip K. Dick seine Befürchtungen über einen zukünftigen Polizeistaat aus.

 

Jason Taverner unterhält ein Millionenpublikum. Der gefeierte Star wird von vielen geliebt, ist aber privat eher schwierig. Als eine Geliebte ihn tödlich verletzt, verliert er das Bewusstsein. Am nächsten Tag wacht Taverner völlig unversehrt in einem fremden Zimmer auf. Er befindet sich immer noch im selben Land, aber es hat sich verändert. Seine Papiere sind verschwunden und niemand erinnert sich mehr an ihn. In den USA des Jahres 1988 bedeutet das den Tod in jeder Hinsicht, man wird zu einer Unperson. Alle Bürger werden durch einen perfekten Polizeistaat überwacht, der Minderheiten diskriminiert. Nach einem erneuten Bürgerkrieg haben die Intellektuellen keinen respektierten Platz mehr im Staat. Wer sich nicht ausweisen kann, wird gleich in Zwangsarbeitslager gesperrt. Schnell wird die Polizei auf Taverner aufmerksam, weil sein plötzliches Erscheinen Rätsel aufgibt. Wenn von jemanden keine Unterlagen aufzufinden sind, dann muss dieser weitreichende Beziehungen haben oder ist generell ein Staatsfeind. Der Polizeigeneral Felix Buckman übernimmt die Untersuchungen. Ihn wundert es, wie Taverner solange von Kontrollen der Polizei unbeobachtet blieb.

Alles unter Kontrolle

Philip K. Dick schreibt in „Eine andere Welt“ seine Befürchtungen zu einer zukünftigen USA nieder. Als 1971 in sein Haus eingebrochen wurde, verdächtigte er FBI, CIA und radikale Gruppierungen. Wer tatsächlich dahinter steckte und was nur auf Dicks Einbildung beruht, ist schwer festzustellen. Dicks Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse ist jedoch wie in vielen seiner Romane bestechend: Die geschlossenen Universitäten, in deren Kellern sich ehemalige Studenten verschanzen, erinnern an die Studentenproteste der sechziger Jahre. Er lässt Buckman zu Taverner sagen, dass dieser sich gegenüber Behörden nie auffällig benehmen soll. Taverner solle nie etwas tun, was das Behördeninteresse wecken könnte. Sowohl die Notwendigkeit der Identifikation (neuerdings durch biometrische Pässe) und die Verurteilung liberaler Gedanken (Schlagwort: Patriotismus) sind aktueller denn je. Dick zeigt keine Lösungen auf, weist aber indirekt auf die Aufgabe hin, die Aktivitäten des Staates kritisch zu hinterfragen.

Den Personen scheinen im Roman die Gefühle (für Taverner) abhanden gekommen zu sein. Wiederholt trifft der Entertainer auf Frauen, die ihm gleichgültig gegenüberstehen. Zwei Seiten einer Person stellen der Polizeigeneral und seine Schwester dar, zu der er eine inzestuöse Beziehung unterhält. Alys Buckman wird als sehr bösartig geschildert und sie war es, die Taverner mit einer Zeitbindungsdroge in ihre Welt holte. Letztlich ist es die Liebe, die als Erlösung dient. Es ist Felix Buckman, der das erkennt und in dieser Situation einen Schwarzen umarmt. Der Originaltitel des Buches bezieht sich auf diese Situation mit Buckmans Veränderung und ist angelehnt an John Dowlands Text „Flow My Tears“ zu der Lautenmusik Lachrimae.

Gemessen an den Ideen steht „Eine andere Welt“ hinter Philip K. Dicks „Ubik“ und „Blade Runner“ zurück. Dennoch ist es ein Roman, den es zu lesen gilt. 1975 wurde Dick für sein Werk mit dem „John W. Campbell Memorial Award“ ausgezeichnet

Ulrich Blode


Philip K. Dick: Eine andere Welt (Flow my tears the policeman said).
München: Heyne, 2004.
284 Seiten, 9,80 Euro.
ISBN:  3-453-87403-X

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