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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:22

 

Hannu Raittila: Atlantis

20.02.2006

Zwischen dem Saimaa und Helsinki

In seinem neuen Roman "Atlantis" erzählt der finnische Autor Hannu Raittila, was einen Verrückten dazu treibt, eine ganze Saimaa-Insel durch eine Überflutung von der Landkarte zu streichen.

 

In Südostfinnland, im Gebiet des Saimaa, treffen auf einer Insel eine Reihe skurriler Gestalten aufeinander: die Volkskundlerin Helena, die in Tauchgängen ein in den 60er Jahren geflutetes Dorf untersuchen möchte, Saarilahti, ein Multimillionär, der auf einer Saimaa-Insel einen riesigen Vergnügungspark bauen möchte und sich als König Gustav III. von Schweden verkleidet, sein Assistent Kuosmanen, der durch seine Dummheit und Unbeholfenheit vollkommen auf seinen Chef angewiesen ist, der Verrückte Rajala, der die Pläne von Saarilahti kennt und durchkreuzen möchte sowie der Werbegestalter Mäkelä, der in den Diensten Saarilahtis steht und seine Rolle in dem Schauspiel noch nicht so ganz durchschaut zu haben scheint.
Während Helena einfach nur in Ruhe ihre Forschung verfolgen möchte und sich aus dem gesellschaftlichen Leben Helsinkis und vor der Verfolgung ihres früheren Liebhabers geflohen ist, studieren Saarilahti und Kuosmanen die Landschaft und die Häuser, die von den Bauern in den 60er Jahren zurückgelassen wurden. Sie möchten das ursprüngliche, von der Technik unberührte Finnland wieder herstellen, als Touristenattraktion vermarkten und so täglich Tausende von russischen und finnischen Touristen abkassieren. Zu diesem Zweck fälschen sie sogar die Verkehrsstatistik, um die von der Zivilisation vergessene Insel für den Reisebusse erschließen zu können. Der Verrückte Rajala aber arbeitet an der Zerstörung der kapitalistischen Pläne: Mit einem genauestens durchdachten Plan will er alle Seen der Insel zum Überlaufen bringen und diese gleich Atlantis verschwinden lassen …

Belletristisches Sachbuch mit einem Hauch von Krimi
Der finnische Autor Hannu Raittila schreibt in seinem neuen Roman "Atlantis" eine Mischung aus einem Kriminalroman, einer Liebesgeschichte und einem Sachbuch. Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Helena, Mäkelä und Kuosmanen erzählt, zwischen den Kapiteln beschreibt Rajala aus einer Art post-mortem-Perspektive seine Pläne und seine Motivation. Gleichzeitig liefert Raittila ein umfassendes Bild der finnischen Dorfgemeinschaften aus den 60er Jahren, in denen die Bauern gesellschaftlichen Fortschritt strikt negierten und schließlich durch hohe Abfindungszahlungen aus ihren Dörfern gezwungen wurden. Zusätzlich wirft er auch noch einen Blick auf vier Generationen einer finnischen Familie.
"Atlantis" spannt einen facettenreichen Bogen um die verschiedenen Interessen und persönlichen Lebenswege der Protagonisten, die auf der Saimaa-Insel aufeinander treffen. Leider fehlt aber ein wenig die ironische Distanz, die subtile Komik, die den vorigen Roman Raittilas, "Canal Grande", zu einer tiefgründigen Charakterisierung der finnischen Seele werden ließen. Streckenweise erzählt der Autor relativ leidenschaftslos die Geschichte der verschiedenen Charaktere. Der ständige Perspektivwechsel gibt dem Roman zwar eine innere Spannung, jedoch verleiht Raittila sämtlichen Charakteren – außer dem des verrückten Rajalas – die gleiche Stimme. So entwickeln sich die verschiedenen Personen zu blassen, fast eigenschaftslosen Wesen.
Trotzdem gibt "Atlantis" einen vielschichtigen Einblick in die finnische Gesellschaft zwischen Traditionsbewusstsein und Fortschrittsglauben. Der selbstgebrannte Alkohol der finnischen Bauern, ihre Lebensgrundlage und ihr ganzer Stolz, hat hier Symbolcharakter: Mehrmals wird er großzügig den Großstädtern angeboten – und führt bei ihnen immer wieder zu Übelkeit und geschmacklichem Entsetzen.

Katharina Bendixen


Hannu Raittila: Atlantis. Aus dem Finnischen ins Deutsche übersetzt von Stefan Moser. Knaus Verlag, 2006. Hardcover, gebungen mit Schutzumschlag. 366 Seiten. 19,95 Euro. ISBN 3-8135-0275-9

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