Ulrike Draesner: Spiele
20.02.2006
Spiralförmig um das Attentat
Als eine "Phantasie nach wahren Ereignissen" hat die 43-jährige Schriftstellerin Ulrike Draesner ihren neuen Roman bezeichnet, dessen Handlung spiralförmig um das Attentat auf die Olympischen Spiele in München kreist.
Am 26. August 1972 drangen Mitglieder der Terrorgruppe "Schwarzer September" ins Olympische Dorf ein und nahmen israelische Sportler als Geisel. Am 5. September kam es dann auf dem Flugplatz von Fürstenfeldbruck nach einer dilettantischen Befreiungsaktion zu einem schlimmen Blutbad.
Ulrike Draesner, die zuletzt den Lyrikband "Kugelblitz" und die Erzählungen "Hot dogs" vorgelegt hat, geht es nicht um die exakte Rekonstruktion der historischen Ereignisse. Sie strebt eine Verschmelzung privaten und politischen Unglücks an. So wie es der Großvater der Protagonistin ausdrückte: "Die große und die kleine Geschichte kümmern sich nicht umeinander, sie durchdringen sich bloß."
Dies geschieht bei zwei Figuren besonders drastisch. Da ist die welterfahrene Fotojournalistin Katja Berewski, die mit Anfang vierzig in ihre Heimatstadt München zurück kehrt und sich auf Spurensuche begibt. Dabei stößt sie unweigerlich auf ihren einstigen Mitschüler Max, der sie vergöttert hat, dessen Gefühle sie aber nicht erwiderte. Die unerwiderte Liebe und eine gehörige Portion Trotz führten dazu, dass Max das Gymnasium verließ und auf die Polizeischule ging.
Durchdringung der kleinen und großen Geschichte(n)
Und Max gerät mitten hinein in den "ersten Akt eines sich globalisierenden Terrorismus" - so ordnet Draesner das Attentat in München im Rückblick ein. Er wird auf dem Flughafen angeschossen und trägt eine irreparable Verletzung davon, die sein Verbleiben im Polizeidienst unmöglich macht.
Die private Tragödie, die bei Katja mit zunehmendem Alter sich entwickelnden Schuldgefühle gegenüber Max, und der barbarische terroristische Akt, der zur Historie geworden ist, überlagern sich. Katja sieht in Max nicht nur das Opfer eines unkoordinierten Polizeieinsatzes, sondern auch das Opfer ihrer pubertären Gleichgültigkeit. Sie war der Auslöser dafür, dass Max - gegen seine Überzeugung - zur Polizeischule "geflüchtet" ist.
Katjas Recherche, die von ihrem Lebensgefährten Paul, einem Bibliothekar, unterstützt wird, entfernt sich aber immer weiter von den "großen", archivierten Ereignissen und dringt tief in die intime Sphäre der Familie ein. Ihr Vater, ein Anwalt, spielt dabei eine zentrale Rolle. Er hat seine Tochter über viele Jahre hinweg mit einer Lüge abgespeist, hat den Selbstmord der Mutter als Autounfall ausgegeben. Dessen neue Lebensgefährtin beäugt die Fotoreporterin aus diesem Grund mit großem Argwohn.
"Ich wollte zeigen, wie ein politischer Konflikt die Lebensläufe der Menschen verändert", erklärte Ulrike Draesner gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" ihren Schreibimpuls, der nach den Anschlägen des 11. September 2001 entstand. Doch Katja bleibt bis zum Ende ein innerlich zerrissenes, aufgewühltes Wesen, das - ebenso wie der Roman - stets Gefahr läuft, die Balance zu verlieren.
Ulrike Draesners ambitionierter Text gerät bisweilen nämlich auch aus dem Gleichgewicht. Der Versuch, die blutige Weltpolitik und zickiges, pubertäres Verhalten erzählerisch unter einen Hut zu bekommen, wirkt arg aufgesetzt. Das selbstzerfleischende Durchstöbern der Familiengeschichte ist der Autorin indes eindrucksvoll gelungen. Und am Ende scheint nur Max seinen Platz gefunden zu haben. Ausgerechnet das Opfer, das zweimal aus den eigenen Reihen verwundet wurde - von der Kugel eines Kollegen und von der hartherzigen Jugendliebe. Nach dem dramatischen Ende seines Polizeidienstes absolvierte er ein Biologiestudium, heiratete und arbeitet seither mit Elefanten in einem niederländischen Zoo. Nicht jedermanns Sache, aber irgendwie doch versöhnlich.
Peter Mohr
Ulrike Draesner: Spiele. Roman. Luchterhand Verlag, München 2005, 494 Seiten, 21,90 Euro (SFR 38,50)