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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:22

 

Jiri Kratochvil: Der traurige Gott

27.02.2006

Mafia mal anders

Aus einer beschwingten Familiengeschichte macht der hochdekorierte tschechische Autor Jiří Kratochvil (*1940) hier eine Parabel auf den Totalitarismus. Auf dem Weg in seine persönliche Freiheit greift sein Protagonist auch zu ungewöhnlichen Maßnahmen.

 

Als solche Parabel ist der Roman aber auch allzu einfach gestrickt: der Protagonist Ale¨ soll zum Paten seines weit und mafiös verzweigten Familienclans aufsteigen, der Machtwechsel und Demokratisierung schadlos überstand und sich anschickt, wie ein „Fettauge“ noch größer und satter zu werden. Dumm nur, dass Ale¨ so gar keine rechten Machtambitionen hat. In einer nächtlichen Vigil verschandelt er Sarg und Leiche seiner verflossenen Vorgängerin und steht von nun an belächelt und bedauert außerhalb der Machtstrukturen des Clans. Schließlich verabschiedet er sich ganz aus der Gesellschaft, wandert auf einen Berg und trifft den eponymen traurigen (Erzähler-)Gott, der ungeduldig in einem Bauwagen residiert. Dort tauschen die beiden ihr Schicksal, und während der traurige Gott als Sterblicher in die Welt zieht, verbleibt Ale¨ und tritt dann endlich die ihm bestimmte Nachfolge an: „Ich sitze und warte. Kommt also! Ich bin der Gott eurer Geschichten! Aber was für ein trauriger, trauriger Gott...“

Der Roman versucht sichtlich angestrengt, jede größere Erzählsubstanz zu meiden, um die politische Parabel nicht mit unnötigem Balast in die Länge zu ziehen. Dementsprechend flachgedrückt sind dann auch die Charaktere, allen voran Ale¨, von dem in Essenz eigentlich nichts weiter bleibt als die lakonische, immer weiter fortgesetzte Geste, die er gegenüber seinem Schicksal kultiviert. Seine Schritte sind abgezählt und vorhersehbar, und selbst seine kafkaeske Wanderung auf den Gipfel des Berges nimmt er mit lächelnder Langmut hin, nur um dann – lakonisch, was auch sonst – festzustellen, dass der traurige Gott ihm gerade Sterblichkeit und menschliches Leben entwendet hat. In diesem Diebstahl vollendet sich die eigentlich interessantere Parabel auf die Rolle von Erzähler beziehungsweise Autor, der seine Existenz abwirft, um im Schreiben etwas anderes zu werden – „Ich sitze [...] und warte wie ein Idiot, daß ich vielleicht ebenfalls Glück habe und mich jemand ablöst, den die Sehnsucht packt, sich aus seinem Schicksal auszuklinken...“. Erst wenn man sich als Autor an der eigenen Geschichte, so scheint es, satt erzählt hat, bleibt Raum und Hingabe für die „widerlichen und widerlicheren Geschichten“, die es zu erzählen gilt.

Daniel J. Gall


Jiří Kratochvil: Der traurige Gott. Deutsch von Kathrin Liedtke und Milka Vagadayova.Ammann Verlag, Zürich 2005, 187 S., 18,90 Euro. ISBN: 3250600849.

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