Ein Vertreter letzterer Spielart ist Jeff VanderMeer mit seinem in jeglicher Hinsicht überraschenden und manchmal regelrecht verstörenden Buch "
Stadt der Heiligen & Verrückten", das einerseits durch die unbegrenzt scheinende Phantasie VanderMeers geprägt ist, andererseits seine väterlichen Resonanzen nicht verleugnen kann, als da (u.a.) wären: Vladimir Nabokov mit "Einladung zur Enthauptung" und "
Fahles Feuer", Paul Auster mit "
Stadt aus Glas" und "
Schlagschatten", Alasdair Gray mit "
Arme Dinge".
"
Stadt der Heiligen & Verrückten" ist alles, nur kein normales Buch. Bereits auf dem wunderschönen Schutzumschlag beginnt es mit einem dort aufgedruckten Prolog. Es folgen vier in sich eigenständige Novellen, die alle in der imaginären Stadt Ambra spielen und untereinander nicht verschiedener sein könnten. In der letzten dieser Geschichten, „Der seltsame Fall von X“, begibt sich VanderMeer auf eine metaphysische Ebene, indem er sich selbst als Schriftsteller X ins Spiel bringt und die Grenze zwischen Realität und Imagination auflöst. Rückwirkend werden die drei vorangegangenen Geschichten kommentiert, auf ihren Wahrheitsgehalt hin in Frage gestellt und nach pseudorealen Quellen durchsucht. Dies geschieht auf sehr ironische Art und Weise, indem VanderMeer den Schöpfungsakt des Schreibens in die Nähe des Wahnsinns rückt. VanderMeer beschreibt sich selbst bzw. X als willenloses Opfer seiner Phantasien und Alpträume.
Eine Stadt jenseits aller VorstellungskraftWas nun genau ist Ambra? Zunächst der einzige Kritikpunkt an der traumhaft gelungenen deutschen Ausgabe: Der Name „Ambra“ wurde entsprechend seiner Bedeutung übersetzt. Im Original heißt die Stadt der Heiligen und Verrückten Ambergris, was sehr viel überzeugender die Nuanciertheit und Dekadenz dieser Metropole nach außen trägt und einfach einen tausendfach schöneren Klang hat als das fantasyhafte „Ambra“. Hier hätte man Schönheit vor Bedeutung setzen sollen.
Ambra, das ist eine Stadt jenseits jeglicher Vorstellungskraft, ähnlich Paul Austers Land der letzten Dinge. Höchstes technisches Gut scheinen motorbetriebene Fahrzeuge zu sein, doch die Stadt ringt in erster Linie mit dem unausweichlichen Verfall. Überall wuchern lebensbedrohende Pilze, die von den in Stollen unterhalb der Stadt lebenden Ureineinwohnern, den Grauhüten, kontrolliert werden. Es gibt zwar Kunst und Schönheit in Ambra, aber leben möchte ich dort nicht, zu grausam sind die Grausamkeiten dort, zu wenig Gewicht hat dort ein Menschenleben.
In der ersten Geschichte „Dradin, verliebt“ verliebt sich Dradin in eine geheimnisvolle Frau am Fenster des Verlages Hoegbotton & Söhne. Was so romantisch beginnt, endet makaber und schluchttief. Es verbietet sich bei dieser Geschichte mehr zu erzählen, da sie im letzten Drittel völlig zusammenstürzt und einen verblüffend den Lesererwartungen entgegensteuernden Weg einschlägt. Wie einem Gemälde von Bosch entnommen, quillen urplötzlich Horden des Grauens über die Seiten - in einer Intensität, wie es selbst Clive Barker in seinen besten Momenten nicht hingekriegt hat. Alptraumgefahr!
Albtraumgefahr“Hoegbottons Führer zur Frühgeschichte der Stadt Ambra von Duncan Shriek” ist ein literarischer Joke. Der gallige, wie einem Roman von Nabokov entstiegene Historiker Duncan Shriek reimt sich die blutige Frühgeschichte Ambras zusammen und missbraucht die 137 Anmerkungen dazu, über seine privaten Probleme zu schreiben.
Ein absoluter Höhepunkt, nicht nur dieses Buches, sondern der Phantastik der letzten Dekaden, ist „Die Verwandlung des Martin See“. Der Maler See wird unter dem Motto „Einladung zu einer Enthauptung“ zu einer Art intimem Maskenball eingeladen. Schon bald wird das Motto sehr wörtlich genommen... Selten liegen ultimatives Grauen und doppelbödige Schönheit in der Literatur so dicht beieinander.
„Der seltsame Fall von X“ leitet dann über zum „AnneX“, einem umfangreichen Konvolut pseudorealer Dokumente, Kommentare, Kurzgeschichten, Illustrationen und Fotos. Alles wird verlinkt, alles hat eine Bedeutung, und aus der anfänglichen Novellensammlung wird dann doch noch ein geschlossenes Werk. Der „AnneX“, der mehr als die Hälfte des Buches einnimmt, ist allerdings nur etwas für Kämpfer, denn es ist z.T. sehr viel Geduld und Kondition gefragt, diese Texte zu lesen und seinen Nutzen daraus zu ziehen. Der erste Teil dagegen, „Das Buch von Ambra“, ist auch für Normalleser geeignet, wenngleich es auch hier sehr viel zwischen den Zeilen zu entdecken gibt.
Hervorzuheben ist noch die spürbare Begeisterung, mit der die deutsche Ausgabe hergestellt wurde. Sämtliche Layoutmerkmale (verschiedene Schrifttypen, Illustrationen, Anmerkungen etc.) der Originalausgabe wurden übernommen, und auch die hervorragende Übersetzung von Erik Simon ist bei weitem mehr als nur eine gute Auftragsübersetzung.
Ein Tip am Rande: Umfangreiches erhellendes (deutschsprachiges) Material von und über Jeff VanderMeer gibt es im online-Magazin Alien Contact bei
www.epilog.de
Frank Duwald
Jeff VanderMeer: Stadt der Heiligen & Verrückten. Klett-Cotta 2005,Gebunden, 420 S., 25,00 Euro. ISBN 3-608-93773-0