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Cécile Wajsbrot: Der Verrat

27.02.2006


Traumhaftes Flanieren durch Paris

Cécile Wajsbrots "Der Verrat" ist ein Buch, das wie ein Schatz darauf wartet, gehoben zu werden. Geschickt verbindet es dabei die Frage nach der Verantwortlichkeit des Individuums mit einem traumhaften Flanieren durch Paris.

 

Schon seit ihrer Kindheit schätzt die junge Rundfunkredakteurin den bekannten Radioreporter Louis Mérian. Jetzt sitzt er in ihrer Sendung zum Interview. Zunächst ist es ein Routinegespräch unter Profis, bis Ariane Desprats, deren Familie während der Besatzungszeit in Frankreich deportiert wurde, den Ruheständler danach befragt, was er im Krieg getan habe. Die anfängliche Irritation auf beiden Seiten, erschüttert die sorgsam aufgebaute Welt des alten Mannes. Die einzige Frau, die er jemals liebte, aber aus Feigheit verriet, tritt aus dem Schatten seiner Erinnerung und die Leere, in der er sich eingerichtet hatte, wird unerträglich. Geschickt verbindet Cécile Wajsbrot die Schicksale der beiden Radiomoderatoren. Was stellen sie, die von Berufs wegen alles in Frage stellen sollten, für Fragen? Und was sind die wirklich wichtigen Fragen? Wen hätte man eigentlich befragen sollen? Die kleinen Leute mit ihren kleinen, aber realen Sorgen den Berühmtheiten mit ihren glatten Antworten vorziehen? Das Kleine, das sich im Großen spiegelt, wahrnehmen?

Beiläufig und präzise dahinströmende Sprache

In die Frage nach der Verantwortlichkeit des Individuums und die der Medienmacher flicht Wajsbrot die Bedeutung des Rundfunks ein. Als das wichtigste Medium des zweiten Weltkrieges reflektiert er die Geschichte des Landes wie die Geschichte des Einzelnen das Handeln vieler. Dabei wird deutlich, daß Erinnerung und Verdrängung kollektiv und individuell gleichen Mustern unterliegen.

Ihre Sprache fließt so beiläufig und präzise wie ein Spaziergang mit einem Menschen, der sich gut auskennt, aber zu sehr bei seiner Erzählung ist, um Aufhebens davon zu machen. Wie im Traum flaniert man durch Paris und erhält nebenbei eine Führung durch die wechselnden Farben der Geschichte, die sich im frischen Gold des Invalidendoms oder im Grün von Balzacs Garten zeigen können. Aber Cécile Wajsbrot nimmt sich auch Zeit für die Färbungen der Wolken, die sich plötzlich an Kreuzungen auftürmen. Flüchtige Phänomene neben den historischen Landmarken, auf die man zu Recht stolz sein könnte, würden nicht andere geschichtlichen Realitäten unterdrückt.

“Der Verrat” plädiert dafür, die Augen unter dem gesellschaftlichen Wasserspiegel offen zu halten, um sich dem individuellen wie dem sozial Verdrängten stellen zu können. Ein Buch, das darauf wartet, wie ein Schatz geborgen zu werden. Ein Buch, von dem man etwas über das Leben an der Oberfläche und der tiefen See darunter lernt. Man muss kein Taucher sein, um auf dieser Schatzsuche zu sich selbst zu kommen.

Maggie Thieme



Cécile Wajsbrot: Der Verrat.
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller.
Liebeskind 2006, 253 S., 19,80 Euro.
ISBN: 3-935890-34-6

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