Anthony Doerr: Winklers Traum von Wasser
06.03.2006
Die große Prosaflut
Der in Idaho lebende Anthony Doerr hat in seinem Debütroman schon die Geduld, die man braucht, um große Prosa zu schreiben. Dabei macht er viele Konzessionen an seine Charaktere, nur wenige aber an seine Leser.
David Winkler träumt von Toden: in dunklen Vorahnungen sieht er den Tod geliebter Menschen voraus. Niemand schenkt ihm Glauben, auch dann nicht, als er den (Ertrinkungs-)Tod seiner neugeborenen Tochter Grace visioniert. Außer Stande, ihren sicher geglaubten Tod zu verhindern, lässt er sie mit ihrer Mutter zurück und flieht aus dem mittleren Westen der USA in die Karibik, um sich anschließend 25 Jahre lang nicht mehr von den Grenadinen fort zu bewegen. Wenn die Handlung überhaupt einmal Unruhe verbreitet, ergibt sich diese aus den Bewegungen quer über den Kontinent – von Anchorage, Alaska (Ausgangs- und Endpunkt der Geschichte) über Ohio (wohin er mit der Mutter seines Kindes flieht, nachdem sie ihren Ehemann zurückgelassen hat) auf die Grenadinen und zurück.
Wasser und Stille Ansonsten – Stille, allüberall. Winkler ist der Prototyp des selbstvergessenen, introvertierten Wissenschaftlers, der sich ganz in sein Fach ergibt und seine Spleens kultiviert, wobei seine Faszination – er ist Meterologe – vor allem dem Wasser gilt, dem einen Element, das sein Leben definiert. In Alaska sind es die Schneeflocken, in Ohio der Fluss, der über die Ufer tritt, auf den Grenadinen das Meer, an dessen Ufer er lebt und das seinen Arbeitsrhythmus als Aushilfshausmeister und –gärtner prägt, und überall steht Wasser ein für Weite, für Grenzenlosigkeit - „Wenn es ganz klar war, konnte man vom Dach aus die halbe Gipfelkette der Alaska Range sehen. Manchmal ging ich da hoch, einfach nur um zu schauen, auf all diesen unberührten Schnee. All dieses Licht“ - und für Leben. Als er sich lebensmüde mit einem kleinen Boot in die Brandung und ins Wasser stürzt („Dann stieg das kleine Boot auf seinem Heck in die Höhe und kippte um [...] Er dachte: nimm mich.“), spuckt ihn das Meer zurück an den Strand. Überall scheint er allein und isoliert, egal, wie sehr sich seine Umwelt um ihn bemüht.
Schwebende Gelassenheit Es wäre nicht angebracht, Doerr mangelndes Gespür für den Leser vorzuwerfen, weil sein Roman so arm an Handlung ist, eine Schuld, die sowieso locker getilgt wird dadurch, dass sich seine feinen, ausbalancierten Sätze lesen wie Literatur gewordene Zuckerwatte, ohne die Klebrigkeit, versteht sich, aber mit aller schwebenden Gelassenheit. Natürlich verschiebt sich die Aufmerksamkeit dadurch völlig auf den Protagonisten, auf seine existentiellen Ängste, die sich aus der vermeintlichen Sicherheit nähren, den Tod seiner Tochter vorhergesehen, nicht aber verhindert zu haben. Der Fokus des Romans liegt früh auf Winkler, und da bleibt er dann auch. Doerr behandelt seinen Helden beinahe zärtlich und lässt ihm auf jeder seiner ängstlichen und manchmal auch gelösten Gedankenreisen in die Vergangenheit volle Bewegungsfreiheit. Wenn es überhaupt ein Zuhause für ihn geben kann, dann nur am Rand der Gesellschaft, an den er sich willig spülen lässt – nach 25 karibischen Jahren, in denen er sich Mut und Geld zusammen spart, kehrt Winkler schließlich zurück und sucht nach Frau und Tochter. Grace zumindest, wie sich herausstellt, ist nicht tot, und nach weiteren selbstgewählten Monaten der Isolation in der Winterkälte Alaskas kehrt Winkler schließlich nach Anchorage zurück, nimmt den Kontakt zu seiner Tochter auf und schafft es tatsächlich, ein spätes Familienglück aufzubauen.
Daniel J. Gall
Anthony Doerr: Winklers Traum von Wasser. Deutsch von Judith Schwaab. C.H. Beck, 2005, Gebunden, 486 S., 24,90 Euro. ISBN: 340653547X
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