Véronique Olmi: Ein Mann eine Frau
13.03.2006
In der Schwebe
Ein Mann, eine Frau treffen sich, reden nicht, gehen in ein Hotel, lernen sich körperlich kennen, verlassen es, gehen wieder hinein, reden, lernen sich seelisch kennen … Véronique Olmi schreibt mit "Ein Mann eine Frau" sensibel und sprachgewaltig einen erotischen Roman.
Sie sind beide jenseits der fünfzig, finden ihre Körper nicht mehr schön und kennen sich schon lange, ohne jemals miteinander gesprochen zu haben. Nun treffen sie sich zum ersten Mal zu zweit, beobachten sich, warten ab, belauern sich eine Weile, und schließlich gehen sie in ein Hotelzimmer, schlafen miteinander, beginnen zu reden, lernen sich und den Körper des anderen kennen und verlassen sich schließlich wieder. Die Begegnung ist ein kurzes Auftauchen aus den Tiefen des Alltags, aus dem eigenen Verschließen und Abducken. Genauso abrupt, wie das Treffen beginnt, endet es auch wieder: ein einziger Nachmittag, einige Berührungen, ein paar Sätze – mehr braucht es nicht, um ein kurzes Verständnis zu erreichen, kurz innezuhalten, Kraft zu schöpfen und wieder im Alltag zu versinken.
Auflösung der Sinne und der Syntax
Und mehr braucht Véronique Olmi nicht, um ein wunderbares Buch zu schreiben, das allerdings in seiner Kürze, seiner Beschränkung auf zwei Personen und einen einzigen Nachmittag eher die Bezeichnung Novelle als Roman verdient hat. Das Bemerkenswerte an "Ein Mann eine Frau" ist die Sprache, die Olmi verwendet: Ebenso wie in der Handlung beschränkt sie sich auch sprachlich auf das Nötigste, gibt Hinweise, deutet an und lässt die Andeutungen wieder verblassen, um sie später aufs Neue aufzunehmen und zu konkretisieren. Die Auflösung der Sinne geht mit einer Auflösung der Syntax einher, Gedankenströme werden eingefangen, offen gelegt, wieder verschlossen. Olmi bewegt sich in "Ein Mann eine Frau" auf dünnem Eis, denn sie läuft jederzeit Gefahr, die Spannung zwischen Erotik, Reflexion und Handlung zugunsten einer der drei Komponenten zu zerbrechen, doch es gelingt ihr an jeder Stelle des Buches, die Schwebe zu halten und in die dünne Eisschicht, auf der sie das Buch aufbaut, nicht einzubrechen.
"Ein Mann eine Frau" ist ein stilles, mit leisen Tönen wirkendes kleines Meisterwerk, das nicht nur in Handlung und Sprache des Buches, sondern auch in seiner wunderschönen Ausstattung auf Effekthascherei verzichtet. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht wie ähnliche derart sicher und ruhig geschriebene und liebevoll gestaltete Bücher in der Masse der Neuerscheinungen untergehen wird.
Katharina Bendixen
Véronique Olmi: Ein Mann eine Frau. Roman. Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Claudia Steinitz.. Verlag Antje Kunstmann, 2006. Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag. 111 Seiten. 14,90 Euro. ISBN 3-88897-426-7