John Grant ist Leiter und einziger Lehrer der Schule im kleinen Dorf Tiboonda, einer „Variante der Hölle“, mitten in der heißen, staubigen und unendlichen Prärie im Westen Australiens. Es sind Weihnachtsferien, sechs Wochen frei, bei vollem Lohn. Das heißt: ein Scheck von 140 Pfund plus 20 Pfund Erspartes.
Genug, um für diese Zeit nach Sydney ans Meer zu reisen, weit weg von der stickigen Einöde, in der er, schon weil er von der Küste stammt, der Außenseiter ist, „unter Leuten, die sich heimisch fühlten in dem öden, furchteinflößenden Land“. Eine einzige Nacht nur trennt ihn von seinem Sehnsuchtsort. Doch diese Nacht wird ihm zum Verhängnis.
Beginn eines schmerzhaften Abstiegs
Es ist keine Nacht irgendwo, sondern eine in der nahen Stadt Bundanyabba. Eine Stadt, in der dem Bier gehuldigt wird und der Lokalpatriotismus unerträgliche Ausmaße annimmt. Ein wenig herablassend steht John Grant zunächst diesen stolzen Einwohnern gegenüber, beobachtet sie mit einem höhnischen Lächeln in der Gewissheit, am nächsten Morgen sie und ihre schäbige Stadt hinter sich zu lassen.
So lässt er sich ein wenig treiben in dem Gedanken, eine „gelehrte kleine Studie über die Menschen“ anzustellen. Zufällig gelangt er zu dem beliebten Glücksspiel Two-up. Er beobachtet die aufgebrachte Spielermenge und langsam packt ihn selbst die fiebernde Hektik der Männer. Zwei Stunden und einige Spielrunden später besitzt der rechtschaffene John Grant kein Pfund mehr. Vorbei die Chance, der unbarmherzig heißen, kargen Prärie zu entkommen.
Es ist der Anfang eines schmerzhaften, schnellen Abstiegs. Grant lässt sich von den geschwätzigen, „schonungslos freundlichen“ Yabba-Männern zu Unmengen an Bier einladen, geht mit ihnen auf eine nächtliche bestialische Kängurujagd, vertreibt den Kater des nächsten Morgens mit weiterem schalen Bier, lebt vor sich hin in einer „Decke der Trunkenheit“, unfähig, irgendwelche Entscheidungen zu treffen oder sich dem höhnischen Charme seiner Gastgeber zu entziehen.
Zwischen Übermut, Gleichgültigkeit und Verzweiflung
Mit erbarmungsloser Unaufhaltsamkeit zeichnet Kenneth Cook das Porträt eines Mannes, der sich wehr- und willenlos zerstört. In kleinen Gesten zeigt er, wie Grant seine Werte und Lebensmaßstäbe aufgibt, beispielsweise, wenn er sich, um seinen eigenen Zigarettenvorrat zu schonen, heimlich eine aus dem „Zierkästchen auf dem Couchtisch“ seines Gastgebers nimmt, den er erst seit einigen alkoholgetränkten Stunden kennt.
Bei allen zweifelhaften Unternehmungen, zu denen Grant sich in seiner lähmenden Trägheit mitreißen lässt, schwankt er zwischen betrunkenem Übermut, Gleichgültigkeit, Verzweiflung und Hass auf seine Situation, auf die Männer, die ihm ein Bier nach dem anderen bestellen. Aber jegliche Emotion wird geboren aus einer, die alles beherrscht: Furcht, die alles erstickt, jeden Hoffnungsschimmer, jede Sekunde klaren Denkens, die ihn ab und an, immer seltener, überkommt.
Diese mitreißend erzählte Geschichte wurde bereits 1961 verlegt und hat bis heute nichts an Spannung und Faszination verloren. Cook beschreibt einen Menschen, der auf den ersten Blick völlig überraschend aus seinen ruhigen Lebensbahnen geworfen wird. Und doch verweist er vorsichtig darauf, dass es so undenkbar gar nicht gewesen ist. John Grant wirkt zwar wie ein Mann, der stur seinen Weg geht, der nach außen hin leicht überheblich auftritt und alles im Griff zu haben scheint. Doch gab es einen Nährboden für die Abwege, auf die er gelangt. John Grant war tief in seinem Herzen unzufrieden, mit seiner Stellung, mit seinem wenigen Einkommen, mit seinem Außenseitertum, ein unsicherer, fast hilfloser Mensch, der fast alles tut, „um sich nicht in Verlegenheit zu bringen.“ So lässt er sich immer tiefer in sein Unglück treiben. Und irgendwann konstatiert er überrascht: „Das Unglaubliche daran war, daß er bei all dem zu rein gar nichts gezwungen worden war. Es war, als hätte er sich absichtlich daran gemacht, sich selbst zu zerstören, und dann hatte ein Ereignis zum nächsten geführt.“
Ariane Arndt
Kenneth Cook: In Furcht erwachen. Luchterhand, 190 Seiten, 17,90 Euro. ISBN: 3406542077
Autoreninfo Kenneth Cook
1929 in Sydney geboren, arbeitete u.a. als Journalist, Drehbuchautor und Dokumentarfilmer. Er veröffentlichte über 20 Bücher in verschiedenen Genres. Sein zweiter Roman „Wake in Fright“ aus dem Jahr 1961 wurde zu einem internationalen Erfolg und auch verfilmt. Kenneth Cook starb 1987 im Alter von 57 Jahren.