Lisa Tucker: Song Reader
20.03.2006
Jetzt neu als Taschenbuch erschienen!
Musik als Schlüssel zur Seele
Eine ergreifende und spannende Geschichte über Musik, Liebe, das Erwachsenwerden, Vergebung – kurz: über das Leben.
Um es gleich vorwegzunehmen: das Beste an diesem insgesamt wunderbaren Buch ist, dass es eine Geschichte erzählt. Ein Roman, der ganz ohne postmoderne Effekthascherei auskommt und dabei eine richtige Geschichte so packend und gleichzeitig einfühlsam erzählt, dass man sofort ins Geschehen hineingezogen wird. Lisa Tucker, früher Sängerin in einer Jazzband, folgt in ihrem Debütroman "Song Reader" in weiten Teilen der traditionellen Erzählstruktur, deren Komplexität und überraschende Wendungen ein packendes Leseerlebnis garantieren.
Musik
Die Geschichte besteht aus mehreren Handlungssträngen: Mary Beth und die Musik – Mary Beth, eine junge Frau, die mit ihrer kleinen Schwester Leeann und ihrem Adoptivsohn in einer Kleinstadt im Süden der USA lebt, hat die Gabe, aus den Texten der Lieder, die ihren Mitmenschen immer wieder durch den Kopf gehen, psychologische Schlüsse zu ziehen. Durch ihre Ratschläge wird sie für viele Menschen ihrer Stadt zu einer Art Lebenshelferin, die sie dazu ermutigt, ihre Probleme zu bearbeiten. Eines Tages lüftet sie jedoch ungewollt ein altes Geheimnis, das das Leben einer Familie aus den Fugen geraten lässt und damit den Zusammenbruch sowohl ihrer eigenen Familie als auch ihrer selbst heraufbeschwört.
Vergangenheit
Ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung von Mary Beth und Leeann mit der gemeinsamen Vergangenheit, mit dem Tod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters, mit der Frage nach Schuld und Vergebung und der Bedeutung von subjektiver Erinnerung. Es entspinnt sich außerdem noch eine Liebesgeschichte, und zwar für Mary Beth und später auch für Leeann. Durch diese Vielschichtigkeit der Lebensumstände und durch die Schicksalsschläge, die die beiden durchmachen und bewältigen müssen, entsteht vor unseren Augen ein reiches Mosaikbild der beiden weiblichen Hauptfiguren, die so zu "runden" Charakteren werden. Geschickt wählte die Autorin die Perspektive von Leeann, der jüngeren Schwester von Mary Beth, denn durch ihre Sichtweise wird die Geschichte authentisch, und die Leser erleben die Ereignisse hautnah mit. Das Geheimnis um den verschwundenen Vater z.B. erschließt sich für die Leser ebenso schrittweise, wie Leeannn Stück für Stück die Wahrheit herausfindet, und das bisher perfekte Bild von Mary Beth als der unfehlbaren großen Schwester bekommt Risse.
Der Vater
Die Katastrophe, nämlich der Zusammenbruch von Mary Beth nach der Enthüllung eines streng gehüteten Geheimnisses, das die ganze Stadt in Aufruhr versetzt und sie mit bösen Verleumdungen konfrontiert, bringt eine neue Dynamik in den Verlauf der Geschichte. Der Vater tritt wieder in das Leben der beiden Schwestern, auf den ersten Blick wie ein "deus ex machina", nur leider nicht mit der damit traditionellerweise verbundenen heilenden Wirkung, sondern als hilfloser Anti-Held, der die ganze Unterstützung von Leeann braucht, um sein Leben halbwegs auf die Reihe zu kriegen. Er bringt einen Prozess in Gang, bei dem die Vergangenheit aufgerollt wird und sich die Frage nach Vergebung der Verletzungen stellt – jedes Mitglied der Familie hat Fehler gemacht.
Hoffnung
Musik ist in der Geschichte der Katalysator, der alles in Gang bringt und sowohl Trost und Hilfe als auch Aufruf zur Rebellion und zum Nicht-länger-stillhalten mit sich bringt. Als Mary Beth sich vom Songdeuten verabschieden muss, wird sie selber zur Texterin ihrer eigenen Songs, die ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Und immer wieder im Verlauf der Geschichte findet man eingestreute Hinweise auf Songs, die gerade im Radio liefen. Nicht zuletzt ist der Roman auch die Entwicklungsgeschichte der Ich-Erzählerin Leeann, die durch den Zusammenbruch ihrer Familie und dem Verlust jeglicher Sicherheit zu einer reiferen und erwachseneren Person wird. Am Ende finden sich die beiden Schwestern aufgrund der Erfahrungen, die sie gemacht haben, auf einer anderen Ebene wieder. Beide haben sich verändert, ein Neuanfang voller Hoffnung ist greifbar. In einem Interview sagte Lisa Tucker, ihr gefallen Romane, die "auf vielen Ebenen funktionieren: sie haben eine schöne Sprache und unvergessliche Figuren, aber auch einen starken Plot." Genau das ist ihr mit diesem fesselnden Debüt gelungen, das neugierig macht, mehr von dieser Autorin zu lesen.
Saskia Breitling
Lisa Tucker: Song Reader. Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Aeckerle. Goldmann Taschenbuch 2006. 336 Seiten. 8,95 Euro. ISBN: 3442542278
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