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K. W. Jeter: Dr. Adder

27.03.2006

Früher Cyberpunk

Das Los Angeles der nahen Zukunft ist eine Mischung aus Cyberpunk, Horror, sexuellen und seelischen Abgründen. K. W. Jeters „Dr. Adder” ist ein Arzt, der mit seinen Talenten die Abnormitäten auf dem gesetzesfreien Interface unterstützt und am Leben erhält.

 

Gerade weil L. A. ein Moloch geworden ist, wird es zum attraktiven Anziehungspunkt für gescheiterte Existenzen und jene, die den Erfolg suchen. In der verwahrlosten Stadt treiben sich Verbrecher, Glücksuchende und käufliche Menschen herum, inmitten von ihnen die düstere und faszinierende Person Dr. Adder. Der erfüllt die geheimsten Bedürfnisse seiner Kunden mittels plastischer Chirurgie. Unvereinbar erscheinen die Sehnsüchte nach einem anderen Leben, während man sich gleichzeitig pervertieren lässt. Aber „welche Sucht auch immer, Sex, Geld, Drogen, Macht, Dr. Adder befriedigt sie alle“, wie es treffend auf dem Klappenumschlag steht. Er ist nicht schlechter als die Menschen um ihn herum: bei seinen Operationen werden die Menschen äußerlich geformt, wie sie in ihrem Innersten bereits sind. Gegenspieler ist der ultrakonservative religiöse John Mox mit seinen Moralpolizisten aus dem yuppiehaften Orange County. Mox hat noch eine Rechnung mit Adder offen, die aber gleichzeitig Mox’ moralische Doppelzüngigkeit offenbart. Nach einem Angriff auf das Interface fallen die brüchigen Fassaden beider Städte auseinander.

In den 70ern noch zu provokativ
Jeters Sprache ist kraftvoll und provokativ. Doch 1972 waren seine Ideen zu provokativ oder die Science-Fiction zu rückständig, als dass sich ein Verleger fand. Nach erfolglosen Versuchen in den USA, Großbritannien und selbst in Frankreich, wurde „Dr. Adder“ erst 1984 veröffentlicht. Obwohl verstörend, erscheint „Dr. Adder“ dreißig Jahre nach seinem Entstehen „harmlos“ gegenüber den Horror-Romanen, die mit dem Kannibalen Hannibal Lecter längst ins Feuilleton erhoben wurden.
Bizarr und äußerst treffend ist jene Szene des Bildungskanals von Orange County, in der ein gealterter Science-Fiction-Schriftsteller interviewt wird. Entgegen den Regieanweisungen beschwert sich der Autor ausfallend darüber, dass aus seinen lebendigen Geschichten Langeweile für High-School-Schüler wurde, begraben wie Shakespeare und viele andere.
Ob bewusst oder unbewusst, Jeter hat mit dieser Aussage auch seinen Roman genauestens charakterisiert: Er ist zu lebendig, um nicht veröffentlicht zu werden. Wie Philip K. Dick im Nachwort schreibt, traf „Dr. Adder“ genau die Zeit Anfang der siebziger Jahre. Es sei die konsequente Fortführung von Harlan Ellisons Anthologie „Dangerous Visions”, eigentlich noch gefährlicher als die darin enthaltenen Erzählungen.
Dick sieht sich übrigens in der Figur des abgewrackten Radiomoderators KCID verunglimpft. Doch sei „Dr. Adder“ ein empfehlenswerter Roman, den es zu lesen gilt, ungeachtet jeglicher Befindlichkeiten.
In vielerlei Hinsicht nimmt Jeter die Cyberpunk-Atmosphäre der achtziger Jahre vorweg: die Großstädte mit ihren Slums und Datenbanken, jedoch noch nicht die global agierenden Konzerne. In seiner Kompromisslosigkeit hat „Dr. Adder“ nichts von seinem Reiz verloren.

Ulrich Blode


K. W. Jeter: Dr. Adder.
Bellheim: Edition Phantasia, 2006.
Deutsch von Sara Schade.
Paperback. 254. Seiten. 15,90 Euro.
ISBN-10: 3-937897-13-5

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