Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahres
27.03.2006
Dieser eine Moment
„Schon an ihrer Stimme erkannte Nana, dass etwas Besonderes vorgefallen war.“ Es ist der längste Tag des Jahres, ein schrecklich heißer Tag, als der 62jährige Hobbyimker Paul Kadereit in seinem Bienenhaus tot aufgefunden wird, „einfach umgekippt“. Seine Frau und fünf Kinder hinterlässt er, die Kinder, längst erwachsen, benachrichtigen sich untereinander.
Und so betrachtet jedes Kapitel den Tod des Ehemannes, Vaters und Großvaters aus einer anderen Perspektive, blättert eine spannende Vielschichtigkeit auf, die in der Summe ein gefühlvolles und sehr einfühlsames Familienporträt zeichnet. In lange Rückschau haltenden Exkursen, in bangen Fragen, was die Zukunft nun bringen mag, dreht sich der Roman um diesen einen Moment, der alles verändert, wo sich ‚altes Leben und neues Leben untrennbar miteinander vermischten’: um den Tod des Mannes, der engagiert eine Zoohandlung betrieb und voller Leidenschaft Reptilien sammelte und so wunderbar darüber Geschichten erzählen konnte. Dem sein Geschäft über alles ging und der seine Geckos vielleicht mehr liebte als seine Kinder.
Persönliche Erinnerungen
Für die Kinder wird der Tod des Vaters zu einem Moment der Neubestimmung, der angestammte Platz hat sich abrupt verändert, wie ein Erdbeben hat der Tod das Familiengefüge durcheinander gebracht. Gefühle brechen heraus, Tränen und Traurigkeit, Wut und Wehmut über so Vieles, das nie gesagt, nie getan, so oft ersehnt wurde, verschüttete Liebe und viele Erinnerungen. „Das helle Kleid mit den roten Punkten. Die weißen Riemchensandalen. Die Spiele im Garten, als der Zaun das Ende der Welt zu sein schien. Der Geruch von heißer Milch mit Honig, wenn sie krank war.“ Erinnerungen, die sehr persönlich sind, die der Vater- Tochter, Vater- Sohn- Beziehung Konturen geben, aber auch das Verhältnis der Geschwister untereinander beschreiben: nie schafften sie es, jenes „Wir-Gefühl“ in der Familie zu empfinden. Die Kinder trieb es in alle Himmelsrichtungen, am weitesten weg den Jüngsten, Thomas, niemand in der Familie weiß so recht, wo er sich aufhält. Ihm widmet Tanja Dückers- nicht ganz nachvollziehbar- das längste Kapitel.„Er hatte seinen Vater nicht mehr ertragen können, nicht, wie er sprach, aß, seine Dinkelbrötchen auf den Schoß krümelte, gähnte, mit offenem Mund vor dem Waran- Terrarium einschlief, mit gewichtiger Miene in einem Geo-Heft etwas fett anstrich, den Finger anleckte, um die Seiten einer Zeitschrift umzublättern, die Art, wie er mit dem Spazierstock ausholte, wenn er über Bienen dozierte....“ Wie haben sie alle um Aufmerksamkeit, Liebe und Achtung gekämpft und gebuhlt, ganz normale Eifersucht unter Geschwistern empfunden, das Leben des Vaters als Richtschnur für eigene Zukunft genommen oder im Elternhaus einen „Antimagneten“ gesehen, sich über „Familiengehabe“, und „Klüngel“ lustig gemacht. Wie hat man gestritten über Ansichten, Politik und Geschichte, verschiedene Generationen, verschiedene Blickwinkel und keine eindeutigen Wahrheiten. Und vor allem macht die Erkenntnis sprachlos, wie weit die Beeinflussung des Elternhauses reicht, selbst wenn eigenes Leben, eigene Kinder, eigene Zukunft die Oberhand zu haben scheinen.
Späte Einsicht
Tanja Dückers erzählt die Geschichte der Familie, vom Tod des Vaters mit seiner „Geo-Heft-Romantik“ und der ganz individuellen Reaktion der fünf Kinder unkompliziert und schlicht, und dennoch lösen sie beim Lesen unerwartet tiefe Gefühle und Reaktionen aus, die vielleicht besonders dann ‚aktiviert’ werden, wenn man auch selbst schon einen Todesfall im engsten Kreis der Familie erlebt hat: diesen Moment, wo nichts mehr geht, nichts mehr gesagt werden kann, Endgültigkeit sich dumpf ausbreitet. Bewundernswert dieses erzählerische Talent, die beachtliche Empfindsamkeit und das Fingerspitzengefühl, fünf so unterschiedliche Menschen so klar und scharf in Charakter und Emotionen darzustellen. Vaters Kinder und ein jedes ist ihm offen oder versteckt nahe, in nie ausgelebter Liebe oder in nie ausgesprochener Kritik, aber irgendwie seelenverwandt. „War er bislang ein ferner Satellit gewesen, eine Art Außenposten eines größeren Gefüges, hatte er jetzt das Gefühl, als sei dieses Zentralgestirn auf einmal verschwunden.“ Da ist etwas durcheinander geraten, Standorte müssen neu gefunden werden, plötzlich fühlen sich die Kinder, jetzt selber Eltern, alt. Erinnerungen tun weh, konfrontieren mit eigenem Fehlverhalten, geben Aufschluss auch über sich selbst, hätte man doch, wäre man doch... „Einfach mal anrufen...ja.“ Ein sehr liebevoll geschriebenes Buch, das sich einem ganz besonderen Moment im Leben widmet.
Barbara Wegmann
Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahres Roman. Aufbau Verlag 213 Seiten ISBN: 3351030681 18,90 Euro
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