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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:25

 

Stanislav Komárek: Kaplans Traum

27.03.2006

 
Schwejk entdeckt den Orient

Ein tschechischer Turkologe flüchtet 1982 über Wien nach Istanbul. Auf der Suche nach einem islamischen Geheimorden landet er in New York.

 

Viktor Kaplan möchte weg aus der Tschechoslowakei. Die Odyssee des jungen Wissenschaftlers aus Prag beginnt beim berühmt berüchtigten Flüchtlingsheim im niederösterreichischen Traiskirchen. Dort lernt er das Leben eines Asylanten kennen: Man kann den ganzen Tag nichts anderes tun, als die Behörden überzeugen, dass man in der Heimat wirklich verfolgt wird. Schon im Flüchtlingsheim beginnt die Bekanntschaft mit der österreichischen Bürokratie, die dann noch vertieft wird durch Kaplans Tätigkeit in einem Ministerium.
Immer wieder spielt der Autor Stanislav Komárek auf die undurchsichtigen österreichischen Obrigkeitsstrukturen aus monarchischen Zeiten an. Seine Hauptfigur Kaplan läuft ungeschickt auf die bürokratischen Strukturen zu, verfängt sich in ihnen und prallt dann wieder ab.
Wie sein Held ist Stanislav Komárek in den 80er Jahren nach Wien geflüchtet. Auf zahlreichen Reisen lernte er Europa, den Nahen und den Mittleren Osten kennen. Diese persönlichen Erfahrungen fließen in den Roman ein. Trotzdem wehrt sich der Autor vor einer zu engen autobiografischen Interpretation. In einem Radio-Interview (Radio Prag, 13.11.2005, www.radio.cz/de/artikel/72604) betonte er, dass die meisten Einzelheiten erfunden sind. Die Beschreibung der Situation eines tschechischen Exilanten in Wien oder der Stadt Istanbul beruhen jedoch auf eigenen Erfahrungen. Auch das Interesse des Helden am Orient fußt in den Erfahrungen, die Komárek auf seinen Forschungsreisen gemacht hat.
Die ewige Suche nach autobiografischen Spuren in Romanen ist ohnehin unbedeutend. Wie Komárek richtig sagt, kommt es bei Romanen auf die gesamte Atmosphäre an und weniger auf die Wiedergabe realer Situationen.

Bildungs- und Schelmenroman
Die Idee zum Roman hatte der Autor schon Ende der 80er Jahre, Zeit zum Schreiben fand er erst Jahre später. „Kaplans Traum“, im Original erschienen 2002, ist sein erster Roman. Zuvor erschienen einige Essays und Lyrikbände. Komárek, ein studierter Biologe, unterrichtet an der Prager Karlsuniversität Geschichte der Naturwissenschaften und Kulturanthropologie.
Der vorliegende Roman ist ein Bildungsroman, ein Schelmenroman, ein Reisebericht, ein Kriminalroman. Sind all diese Genres wirklich miteinander verknüpfbar? Stanislav Komárek hat den Beweis geliefert (auch wenn die kriminalistische Komponente sicher untergeordneten Rang hat). Was am Text mitreißt ist die Ironie, der trockene Humor. Die Frage ist nicht, ob es den berühmten tschechischen Witz gibt. Denn fest steht, dass Stanislav Komárek den gleichen Ton anschlägt wie beispielsweise Jaroslav Hasek. (Die Übersetzerin Sophia Marzolff hat es übrigens geschafft, genau diese ironische Sprache, diesen Tonfall, auf Deutsch zu übertragen!)
Viktor Kaplan könnte ein braver Nachfahre des Soldaten Schwejk sein. Wie Kaplan einmal nach einer frustrierenden Begegnung mit der österreichischen Bürokratie sagt, greift er zu einer alten Waffe seines Volkes: Er spiegelt totale Harmlosigkeit und Beschränktheit vor. Das hat ihm schon sein Landsmann Schwejk vorgemacht.

Mord durch den Geheimbund
Ganz nebenbei bringt Kómarek viel Wissen in seinem Roman unter. Falls man einige Andeutungen nicht entschlüsseln kann, trübt das jedoch keineswegs die Freude an der Lektüre. Wer kennt schon deuterokanonische Evangelien, auf die bei der Beschreibung des kleinen Judas hingedeutet wird?
Die Janitscharen sind die große Leidenschaft des Helden. Er verstrickt sich so sehr in die Geschichte des christlichen Eliteheers aus dem 14. Jahrhundert, dass er nicht mehr herauskommt. Nach seinen Forschungsergebnissen ermordeten die Janitscharen den Sultan Osman II, der das Heer auflösen wollte. In Istanbul trifft Kaplan auf die angeblichen Nachfahren der Janitscharen, die die wahren, neuen Muslime sein wollen, und wird wieder mit Mord konfrontiert. Die wirren Zusammenhänge führen ihn schließlich nach New York, wo er einen Mann trifft, der zur Auflösung aller Rätsel beitragen soll.
Dieser Erstlingsroman des 1958 in Böhmen geborenen Komárek ist im höchsten Maße gelungen. Ein vielschichtiges literarisches Kunstwerk mit viel Witz und Wissen!

Maria-Bernadette Ehrenhuber


Stanislav Komárek: Kaplans Traum.
Deutsch von Sophia Marzolff.
Rowohlt Berlin 2005,
220 Seiten, 18, 90 Euro.
ISBN 3 87134 537 7

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