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Paul Auster: Die Brooklyn Revue

10.04.2006

Am Morgen des 11. September

Der Erfolgsautor Paul Auster, Brooklyner durch und durch, erzählt eine ganz normale Geschichte liebenswerter Charaktere, die kurz vor dem großen Paukenschlag schließt.

 

Erst in seinen letzten Zeilen formuliert Austers neuer Roman sein Programm, wenn der Protagonist Nathan müde anmerkt: „Wer aber macht sich die Mühe, Biographien gewöhnlicher, unbesungener, alltäglicher Menschen zu veröffentlichen [...]?“ Kurz darauf tritt Nathan auf die Straße, nach einem Notfall frisch aus dem Krankenhaus entlassen: es ist der 11. September 2001, kurz nach 8:00 Uhr in der Früh. Vor dem nun folgenden großen Knall, vor dem die Geschichte gerade noch rechtzeitig endet, scheint „Die Brooklyn Revue“ einen letzten Moment der Ruhe und Normalität bieten zu wollen, in dem sich normale menschliche Geschichten ruhig und unaufgeregt erzählen lassen, ganz ohne die 9/11-spezifischen Ängste und Sorgen. Und genau das tut der Roman.Die Stadt dient diesmal mehr als Hintergrund, weniger als Hauptdarstellerin, als die sie Auster zum Beispiel in „Mond über Manhattan“ (1994) gestaltete. Sicher, mit routiniertem Kopfnicken werden die üblichen ortsspezifischen Kennzeichen eingebaut, der breite Brooklyner Akzent, die ethnische Vielfalt des südlichen Zipfels von New York City und dergleichen, und ebenso sicher hätte die Handlung nirgendwo anders stattfinden können – auf der Bühne steht trotzdem die überschaubare Zahl an Charakteren: ganz und gar auf sich selbst konzentriert und ohne das Wohl der Nation oder der Welt im Kopf zu tragen. Zeitweilige Spitzen gegen die Bush-Regierung dürfen trotzdem nicht fehlen, und man wird im Dialog der Charaktere noch einmal an den recht dubiosen Verlauf der Bush´schen Machtergreifung erinnert. In einer unpolitischen Sphäre schweben die Protagonisten also nicht, wohl aber in einer vorkatastrophalen Zeit, als es noch möglich war, ganz unbeschwert und herzhaft über den US-Präsidenten zu lästern.

Ein letzter großer Coup

Das macht auch Nathan gerne, Ich-Erzähler der Revue: ein 59jähriger Versicherungsermittler im Ruhestand, der sich nach einer überlebten Krebserkrankung in seiner Brooklyner Heimat niederlässt, soweit sein familiäres Umfeld das zulässt. Bald tritt sein Neffe Tom in sein Leben und mit ihm dessen Arbeitgeber, Harry, ein schwuler Antiquariatsbesitzer in den späten 60ern, der einen letzten Coup plant, um sich zur Ruhe setzen zu können. Tom und Nathan sind bald eingeweiht in Harrys Plan, der den Verkauf eines meisterhaft gefälschten Originalmanuskriptes von Nathaniel Hawthornes „The Scarlet Letter – Der scharlachrote Buchstabe“ vorsieht. Der Plan misslingt grandios und Harry erliegt im nachfolgenden Trubel einem unspektakulären Herzinfarkt, nicht ohne Tom sein Antiquariat zu hinterlassen. Auf dem Weg betritt dann noch Aurora die Bühne, Toms Schwester, die von ihrem fanatisch-religiösem Ehemann auf dem flachen Land in North Carolina festgehalten wird und die in einer Art Rettungsaktion ihre hochintelligente neunjährige Tochter Lucy in einen Bus setzt, bis sie schließlich bei ihrem Großonkel Nathan in der Stadt landet.

Chef und Vorsitzender dieses kleinen Familienensembles ist eindeutig Nathan, der es sichtlich genießt, seine (Familien-)Geschichten auszubreiten, gewissermaßen als Ausgleich für die vielen kleinen menschlichen Schicksale, die ihm als Versicherungsagenten begegneten, ohne ausreichend gewürdigt zu werden. Das versucht er in dieser doch persönlichen Revue nachzuholen und wird so zum präzisen Beobachter, dem auch kleine Gesten seiner Umgebung nicht entgehen. Diese Liebe zum Detail braucht er, denn viel zu beobachten gibt es nicht. Keine spektakulären Wendungen, keine unerwarteten Auftritte, keine Freak-Charaktere - und es zeugt von Austers erzählerischer Meisterschaft, dass diese sehr persönliche und enge Geschichte nicht langweilig wird. Durch die unübersehbare (und schon auf dem Klappentext angekündigte) Prämisse der letzten Ruhe vor der Katastrophe wird die Handlung in Spannung gehalten und bietet so im besten Sinne eine Revue, unterhaltsam, aber nicht weltbewegend – ein großartiges Dokument amerikanischer Normalität und Gewohnheiten, die der altersmilde Erzähler lakonisch kommentiert.

Daniel J. Gall


Paul Auster: Die Brooklyn Revue.
Deutsch von Werner Schmitz.
Hamburg: Rowohlt, 2006.
Gebunden, 352 Seiten, 19,90 Euro.
ISBN: 3498000667

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