Mikael Niemi: Das Loch in der Schwarte
10.04.2006
Absurde Zukunftsvisionen
Mikael Niemis neuer Roman "Das Loch in der Schwarte" entführt in eine aberwitzige und skurrile Welt und enfaltet trotz fehlendem Plot eine erstaunliche Sogkraft.
Wir sind nicht allein. Das Universum ist bewohnt von Gelblingen, Schlangencomputern und röhrenförmigen Würsten. Es gibt Fistelwürmer, die auf der gleichen evolutionären Stufe stehen wie die Menschen und im kosmischen Parlament dasselbe Stimmrecht genießen wie wir: 0,002 Standardstimmen. Die ersten außerirdischen Lebensformen landeten eines Tages in der nordfinnischen Stadt Oulo und wurden mit dem Satz "Senf gibt's im Auto" begrüßt. Roader fliegen mit zusammengeflickten Raumschiffen durch das All und nehmen einen letzten Drink im "Schwartenloch", der angesagtesten Kneipe im Universum, bevor sie sich wieder in ihre Karossen begeben, um das Ende der Galaxie zu finden oder einen neuen Planeten mit ihren Genen zu besiedeln.
Witz und Einfallsreichtum
Mikael Niemis zweites Buch, "Das Loch in der Schwarte", beschreibt eine kunterbunte Welt von unbekannten Planeten, unglaublichen kosmischen Rassen und unappetitlichen Begegnungen mit unförmigen Lebensformen in Kneipen oder verlassenen Raumschiffen im All. Genau wie "Populärmusik aus Vittula" besticht das Buch durch Witz und Einfallsreichtum, durch einen nicht enden wollenden Reigen an Ideen und skurrilen Personen und Situationen; anders als sein erster Roman ist "Das Loch in der Schwarte" jedoch keine Erzählung im herkömmlichen Sinne, sondern eine Aneinanderreihung von Episoden aus der zukünftigen Welt enthalten, die Niemi entwirft. Es existieren weder Plot noch Handlung, und trotzdem gelingt es Niemi, ein spannendes und fesselndes Buch zu schreiben, das in seiner Absurdität einen Sog entfaltet, dem man sich kaum entziehen kann.
Trotz der aberwitzigen Welt, in der "Das Loch in der Schwarte" spielt, stellt Niemi einen gekonnten Bezug zu unserer langweiligen Realität her: Wenn er etwa das Manifest der Roader, der Weltraumreisenden, zitiert, in dem es heißt: "Wir haben keine Uniformen. Du zu allen. Gleicher Lohn. Das Schiff gehört allen. Gemeckert wird nicht.", dann übt das Buch eine charmante Gesellschaftskritik, die trotz ihrer Ernsthaftigkeit mit einem Lächeln vermittelt wird. Nur manchmal landen Niemis Witze zu sehr unter der Gürtellinie, etwa wenn ein Roader sich auf dem Asteroiden "Wichssocke" befindet oder die Form des Universums als ein "Pimmelprofessor" beschrieben wird und sich später in einen "Vaginaprofessor" verwandelt – derartige Geschmacklosigkeiten hat der Autor eigentlich nicht nötig, kann er doch an vielen anderen Stellen des Buchs mit wesentlich subtilerer Komik aufwarten.
Katharina Bendixen
Mikael Niemi: Das Loch in der Schwarte. Aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt von Christel Hildebrandt. btb-Verlag, 2006.Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag. 221 Seiten, 19,90 Euro.ISBN 3-442-75154-3