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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:25

 

Sibylle Lewitscharoff: Consummatus

10.04.2006

Totengespräche in Garamond mager

Sibylle Lewitscharoff, die 1998 für einen Auszug aus ihrem ersten Roman "Pong" den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, hat einen ebenso komplizierten wie anspielungsreichen Text vorgelegt.

 

Ihr neuer Roman "Consummatus" ist ein ellenlanger innerer Monolog. Der dem Alkohol verfallene Lehrer Ralph Zimmermann sitzt in einem Stuttgarter Café, lässt sein Leben Revue passieren und trifft in seinen Gedanken auf fiktive und reale Figuren aus dem Totenreich.
Vor zwanzig Jahren war er aus dem tristen Lehreralltag ausgestiegen und hatte sich für ein Jahr mit der Underground-Ikone Joey, die eigentlich Johanna Skrodzki hieß, auf Tournee begeben. Johanna ist längst tot, so wie ihr reales Vorbild "Nico" (1938-1988) - eine Sängerin und Schauspielerin namens Christa Päffgen. Den Tod der Geliebten hat der Lehrer nie verwunden und halluziniert sich in Alkoholtrance in ihre Nähe, führt Gespräche mit ihr, mit Jim Morrison, Andy Warhol und anderen verstorbenen Exzentrikern.

Erschlagende Querverweise und Anspielungen
Die ausgebildete Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff erschlägt den Leser geradezu mit Querweisen auf die Antike, auf die biblische Geschichte und die deutschsprachige Literatur von Martin Luther über Stefan George bis Peter Handke. Man bewegt sich als Leser mit größter Vorsicht durch die Seiten, immer von der latenten Angst verfolgt, irgendwo eine sinnträchtige Anspielung überlesen haben zu können. Die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits verschwimmen (zumindest optisch) jedoch nie gänzlich, da die Stimmen aus dem Totenreich in Garamond mager, in blasser Typographie gehalten werden. Was wie eine visuelle Blutarmut der Buchstaben wirkt, steht jedoch in krassem Widerspruch zur geheimnisvollen Gedankenschwere: "Sein Schatten ist selbst für unsere Verhältnisse extrem leicht. Zu einem Schleier ausgezogen, wandert Jean-Francois schräg über den Tisch und löst sich im Vorüberziehen auf."
Es ist nicht irgendein Tag des Jahres 2004, an dem der melancholisch-depressive Studienrat sich mit Kaffee und noch mehr Wodka im Café in "Stimmung" bringt, sondern der 3. April - Jesus' Todestag.
Händeringend sucht man nach verbindenden Motiven zu Zimmermanns Vita und versteigt sich in schräge Gedankenspiele. (Ein) Zimmermann und das Kreuz - absurd? War Zimmermann vielleicht sogar ein verkappter, verstummter Orpheus? Da fällt einem gleich ein Mann namens Robert Allen Zimmermann aus Minnesota ein, der als Bob Dylan zu Weltruhm gelangte. Oder führt das doch zu weit, und hat die Autorin Sibylle Lewitscharoff (Jahrgang 1964) bewusst mit der Interpretationslust des Lesers gespielt und vielleicht sogar absichtlich falsche Fährten ausgelegt?
So anregend und anspruchsvoll die Lektüre dieses Romans auch war, am Ende möchte man doch - ziemlich erschöpft von diesem literarischen Kraftakt - mit Jesus' letzten Worten schließen: Consummatum est (dt.: "Es ist vollbracht").

Peter Mohr


Sibylle Lewitscharoff: Consummatus. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, 237 Seiten, 18,90 Euro (SFR 33,60)

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