Remco Campert: Wie in einem Traum
10.04.2006
Vorspiel und Vorahnung
Irgendwie kommt es einem schon nach den ersten Seiten bekannt vor: da ist Simon, Schriftsteller in den besten Jahren, der wehmütig von seiner Freundschaft zu dem Maler Maurits erzählt, eine Jugendfreundschaft – es ist das Thema, das Remco Campert bereits ins seinem ersten auf Deutsch erschienenen Roman, „Eine Liebe in Paris umkreist.
Dort trifft der Romancier Sanders seinen Jugendfreund Tovèr in Paris wieder. In den Niederlanden wurde „Wie in einem Traum“ bereits vier Jahre vor diesem Roman veröffentlicht, bei uns leider genau umgekehrt. So sei die Lektüre besonders denen empfohlen, die das erste Buch Camperts noch nicht kennen: es ist wie ein Vorspiel, eine Vorahnung, eine Fingerübung, die sich dann in dem späteren Roman meisterhaft dokumentiert.
Flucht in den Traum
Simon driftet wurzellos durchs Leben. „Ich bin die Briefmarke, die sich irgendwo auf dem Weg zum Ziel vom Umschlag löst.“ sagt er über sich. Das Leben ist ein „ewiges Heute“ für ihn, „Vergangenheit und Zukunft in sich vereint.“ Mit Olga lebt er seit er einigen Jahren zusammen, die prickelnde Liebesbeziehung ist es nicht, zu oft sind Gedanken und Träume da, die ihn an Lara erinnern, die Lebensgefährtin seines Jugendfreundes Maurits. Sie wurde ihm zum emotionalen Verhängnis. Da ist die Flucht in den Traum, die Hoffnung, hier Antworten zu finden. „Ein Traum zeigt sich nur einmal klar und deutlich: während er geträumt wird. Danach erfindet man ihn, und er verändert sich zu einer Geschichte... Im bittersten Fall vergisst man ihn.“
Da gibt es eine Stadt, die mitten im Bürgerkrieg liegt, „der ein paar Länder weiter wütet“, Olga will mit ihrer Theatergruppe dort auftreten, Mut machen, moralische Unterstützung leisten. Auch Laura und Maurits planen mit ihren Künstlerkollegen eine Ausstellung dort und selbst Simons Verleger will ein Buchprojekt auf die Beine stellen, das sich mit dieser Bürgerkriegsstadt befasst. Und Simon? Olga bezeichnet ihn als ‚kalten holländischen Egoisten’ und ‚hinterwäldlerischen Nabelbeschauer’. Wie auch immer, er bezieht keine Stellung, lässt sich treiben in Gedanken um Verliebtheit und Beziehungen, erinnert sich an Träume, in denen Leidenschaften und längst zu Ende Gegangenes wieder aufersteht.
Wie aus der Seele gesprochen
Das ist schon ein wenig sentimental und wehmütig, wie Remco Campert schreibt, ein kleines Büchlein, das man schnell gelesen hat, kein Problem, aber die Sätze, keineswegs langatmig, konstruiert oder schwer zu lesen, haben irgendwie Widerhaken, viele bleiben hängen, verführen dazu, selbst ein wenig zu träumen. Wie in einem Schwebezustand liest man sich durch das sinnliche Buch, ab und zu Handlungsfetzen, hin und wieder kurze Dialoge, dann wieder das Eintauchen in Gedanken, Träume, Erinnerungen und Rückschau. Eigentlich sei er wie eine Hausmaus, sagt Simon an einer Stelle, „die am liebsten ein unauffälliges Schreiberleben führt.“ Das ist wohl dem Autor Campert, dessen sympathischer Ich- Erzähler dem Leser für eine kurze Weile sein Herz ausschüttet, wie aus der Seele gesprochen.
Barbara Wegmann
Remco Campert: Wie in einem Traum. Erzählung. Verlag Arche, 122 S., 16 Euro. ISBN: 3716023507