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M. J. Hyland: Schlaflos

23.04.2006

Nöstlingers Nachwuchs

Eine australische Austauschschülerin rebelliert im gutbürgerlichen Haushalt ihrer Gastfamilie. Die literarische Newcomerin M. J. Hyland liefert eine gelungene Geschichte über das Erwachsenwerden.

 

Eines meiner Lieblingsbücher als Kind war Das Austauschkind von Christine Nöstlinger, erschienen 1982. Der aufsässige Jasper aus England, der die brave österreichische Familie ziemlich durcheinander bringt, war mein Held. Schlampig und verfressen und immun gegen alle Erziehungsmaßnahmen. Das Buch gibt es natürlich immer noch, bei Beltz sogar als Taschenbuch in der 12. Auflage und ist für Kinder wie für Erwachsene immer noch lesenswert. Nun entdecke ich das Erstlingswerk der 1968 geborenen Hyland über eine Austauschschülerin und bin begeistert. In beiden Büchern ist das Austauschkind eine rotzfreche Person, die überall aneckt und trotzdem liebenswert ist. Geschichten über Austauschschüler faszinieren durch das Eindringen eines Fremdlings in eine wohl geordnete Welt.

Verschiedene Welten


Die Hauptfigur in Hylands Roman ist die hochbegabte Australierin Louise, genannt Lou. Mit ihren 16 Jahren darf sie ein Jahr als Austauschschülerin in den USA verbringen, bei einer gutbürgerlichen Mittelschichtfamilie. Einer Familie, bei der alles so perfekt zu sein scheint, wie es uns viele amerikanische Vorabendserien weismachen wollen. Gut situiert, gut aussehend und immer sauber, nie verschwitzt und schmutzig, gebildet, mit guten Manieren und riesiger Villa in einem Chicagoer Vorort - das ganze Leben der Gastfamilie Harding blendet so stark vor lauter Glück, dass sich die arme Lou minderwertig fühlt. Schließlich kommt sie aus einer recht unsympathischen White-Trash-Familie, bestehend aus arbeitslosen Sozialhilfeempfängern, die ständig mit Bier vor dem Fernseher herumhängen und sich vulgär, gemein und hinterhältig gebärden. Kein Wunder, dass Louise beschließt, nie mehr heimzukehren. Wie sie ihr Vorhaben in Amerika zu bleiben in die Tat umsetzt, macht den Reiz dieses Romans aus.

Naive Träume treffen auf die Realität


Das Beste ist jedoch der Witz, den die blitzgescheite Louise mit ihrer immensen Bildung versprüht. Unabsichtlich. Ihre unbeholfenen Konversationsversuche sind oft ein Tritt ins Fettnäpfchen. Das beginnt schon beim Empfang am Flughafen durch ihre Gasteltern Margaret und Henry. Die beiden antworten jedoch immer höflich. Schließlich haben sie gute Manieren. Einzig der Sohn James ist genauso eckig und kantig wie Lou und bringt seine Austausch-Schwester immer wieder in Verlegenheit. Lou hat sehr naive Vorstellungen von einem richtigen Zuhause, das das genaue Gegenteil von ihrem eigenen Elternhaus sein soll. Und genau diese Vorstellung wird für sie für einige Zeit Wirklichkeit. Nur funktionieren Träume in der Realität selten und die scheinbar heile Welt bekommt Risse. Als Lou dann sogar bei Alkohol und Drogen landet, der Horrorvorstellung ihrer braven Gasteltern, ist der Ärger vorprogrammiert. Die literarische Newcomerin Hyland liefert eine gelungene Geschichte über das Erwachsenwerden.

Maria-Bernadette Ehrenhuber


M. J. Hyland: Schlaflos. Übersetzt von Ingo Herzke.
Piper Dezember 2005.
Taschenbuch, deutsche Erstausgabe. 368 Seiten. 14,00 Euro.
ISBN: 3-492-27099-9

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