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Stefano Benni: Der schnellfüßige Achilles

24.04.2006

Ulysses und Achilles

Was passiert, wenn ein Lektor und ein monsterähnlicher Mensch sich anfreunden und „Skriptmanuser“ sich in der Jackettasche des Lektors zu romantischen Treffen verabreden, das erzählt der italienische Autor Stefano Benni in seinem neuen Roman "Der schnellfüßige Achilles".

 

Ulysses ist polygam und polytrop und arbeitet in dem kleinen italienischen Verlag Forge. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich unverlangt eingesandte Manuskripte, die er „Skriptmanuse“ nennt und deren „Skriptmanuser“ sich auf eine Größe von acht Zentimeter verkleinert, manchmal in seiner Jackettasche ein Stelldichein oder Ulysses wertvolle Hinweise für den Alltag geben. Ulysses leidet unter „Insomnia pistoria“, einer Bäckerkrankheit, die dazu führt, dass er nachts nicht schlafen kann und so genug Zeit hat, sämtliche Skriptmanuse zu lesen und jedem Skriptmanuser persönlich zu antworten. Seine Freundin Pilar, eine von der Ausweisung bedrohte Latinoschönheit, hat gerade ihren Job verloren und überlegt, sich als Striptänzerin ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Der Verlag gerät immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten, und auch eine schnelle Nummer auf dem kaputten Kopierer zwischen Ulysses und der bezaubernden Verlagssekretärin Circe trägt nicht gerade dazu bei, Ulysses' Lebensqualität zu steigern.

Eines Tages bekommt er einen geheimnisvollen Brief von Achilles, einem monsterähnlichen Menschen, der am SDC-Syndrom erkrankt ist, einen zu spät operierten Wasserkopf besitzt und nur noch Kopf und Hände bewegen kann. Achilles hat ein unberechenbares Wesen zwischen Sanftheit und Aggression und wäre am liebsten ein verliebtes Philosophenkänguru, in Wirklichkeit haust er aber in einem kleinen Zimmer, kommuniziert über einen Computer und hat nicht mehr lange zu leben. In seiner verbleibenden Zeit möchte er ein Buch schreiben und von Ulysses alles über Pilar erfahren, um herauszufinden, wie sich das Leben mit einer Latinoschönheit – oder überhaupt mit einer Frau – anfühlt. Ulysses und Achilles reden tagelang, werden Freunde, und jeden Abend erhält Ulysses ein weiteres Kapitel des Buches, das Achilles' kranker Phantasie entspringt und das vielleicht die Zukunft des Verlags retten könnte.

Unglaubliche Ideenvielfalt
Stefano Bennis neuer Roman "Der schnellfüßige Achilles" enthält einen fast unglaublichen Reichtum an unglaublichen Ideen, die die gut 250 Seiten des Buches fast zum Bersten bringen. Auf komisch-ironische Art und Weise beschreibt er einerseits den Verlagsalltag seines Protagonisten, sensibel entwickelt er andererseits die problematische und todesnahe Freundschaft zwischen Ulysses und Achilles. Gleichzeitig zieht er das Verlagswesen und alle verhinderten Schriftsteller ins Lächerliche und verkneift sich auch nicht die eine oder andere politische Anspielung: In fast allen Lebensbereichen ist der "Duce" präsent und schränkt die Entscheidungsvielfalt ein.
Mit sprachlicher und inhaltlicher Präzision löst Benni die Grenzen zwischen Fiktion, Traum und Realität auf: Weil Ulysses nachts nicht schlafen kann, versinkt er im Alltag ab und zu in phantasievolle Träumereien, wie die der winzigen Skriptmanuser in seiner Jackettasche, die ihn aber auch zu begleiten scheinen, wenn er gerade nicht schläft. Das Buch, das Achilles schreibt, nimmt Ereignisse aus Ulysses' und Pilars Leben auf und verfremdet sie, lässt sie aber gleichzeitig real erscheinen. Dieses Spiel mit dem Buch im Buch macht "Der schnellfüßige Achilles" in Strecken zu einem philosophischen, literaturtheoretischen Roman, der trotz dieser Tiefe leicht, skurril und fast beschwingt daherkommt.

Katharina Bendixen


Stefano Benni: Der schnellfüßige Achilles. Roman. Aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt von Moshe Kahn. Verlag Klaus Wagenbach, 2006. Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, 266 Seiten, 19,50 Euro. ISBN 3-8031-3200-2

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