Eva Demski: Das siamesische Dorf
02.05.2006
Kecki und Max in Thailand
Um es gleich vorwegzunehmen: Nach der Lektüre dieses Romans stellen sich heftige Irritationen ein. Und das aus doppeltem Grund. "Das siamesische Dorf" soll der Frühjahrs-Spitzentitel aus dem Hause Suhrkamp sein, und dieses Buch hat tatsächlich Eva Demski geschrieben. Was ist nur aus diesem renommierten Verlag und aus dieser verdienstvollen Autorin geworden?
Wir treffen auf eine ziemlich verkitschte Mischung aus bunter Reisekatalogprosa, actionreichen Krimi-Motiven, pseudo-spirituellen Selbstfindungsanleitungen und reichlich plakativer Sozialkritik. Nichts ist gegen die Verwendung von Klischees einzuwenden, und Übertreibungen mögen auch als Stilmittel durchaus taugen, doch deren Allgegenwart führt zwangsläufig zur Banalisierung von Figuren und Handlung. Eine so erfahrene Autorin wie die 62-jährige Eva Demski, die uns so hervorragende Romane wie "Hotel Hölle" und "Scheintod" bescherte, hätte sich dieser Gefahren eigentlich bewusst sein müssen.
Handlungsort ihres Romans ist ein thailändisches Ferienparadies, in dem sich die angejahrte Reisejournalistin Albertine Aulich (mit Künstlernamen Kecki) und der fotografierende Pseudonymträger Max von Deggendorf inmitten einer Schar von beziehungsgestressten, nach Erholung lechzenden, betagten Europäern tummeln. Während die einstige Starjournalistin Kecki an ihrem Laptop ihre Reisereportage für die "Apothekenrundschau" mit Medikamentenempfehlungen anreichert, geschehen in ihrem paradiesischen Umfeld merkwürdige Verbrechen.
Ein Tourist aus Bayern wird bei einem Ausflug verschleppt, kehrt nach einiger Zeit mit bösen Folterspuren zurück, der Tod von zwei Thai-Frauen ist unaufgeklärt, und es tauchen wiederholt Leichenteile auf, in deren Umfeld kleine blaue Elefantenfiguren deponiert wurden. Fauler Zauber oder eine Spur, die absichtlich von den Tätern gelegt wurde? Als Drohgebärde einer mafiaähnlichen Vereinigung, die Unsummen mit Immobilienspekulationen, Drogengeschäften und Sextourismus verdient.
Feucht-schwüles All-inclusive-Biotop
Kecki will weder "Schreibsau" noch "Charakterratte" sein (sind solche Formulierungen nötig?) und verwandelt sich (mit Max) zum selbst ernannten Aufklärer und räsonierenden Moralapostel. Wie Miss Marple und ihr etwas tumber Gehilfe Mister Stringer schleicht das Duo durch das All-Inclusive-Idyll mit all seinen schrägen Paradiesvögeln. Das von Eva Demski inszenierte thailändische Feriendomizil kommt wie ein feucht-schwüles Biotop "durchgeknallter" Figuren daher, die alle einen leicht lasterhaften Lebensweg ihr eigen nennen und es augenscheinlich verdient haben, nach Strich und Faden von den Reiseveranstaltern (und Kriminellen) ausgenommen zu werden.
All die schicksalhaften Verstrickungen von kriminellen Banden und kapitalkräftigen Managern mag es in der von Eva Demski dargestellten Art und Weise in der Realität geben. Doch man fragt sich händeringend, welch handlungstragende Funktionen ein abgehalfterter, pädophiler Sänger namens Curd Caramel, der Baron Varus Wyandotte-Spielvogel zu Brendelenburg oder eine taubstumme Hausangestellte mit Namen "Kleines Gemüse" haben?
Der Autorin unterlief ein folgenschwerer Lapsus. Sie hat für ihren ernsten Romanstoff die falsche Form gewählt. Das Spiel mit den Klischees, mit den hoffnungslos überzeichneten Figuren wird zum Bumerang und veralbert die Handlung. Die Protagonistin "Kecki", die einstige Starjournalistin, schreibt nur noch für die "Apothekenrundschau". Gefährlich nah an dieses Niveau hat sich auch Eva Demski begeben.
PETER MOHR
Eva Demski: Das siamesische Dorf. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2006, 382 Seiten, 19,80 Euro (SFR 35,80).ISBN: 3518417401