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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:27

 

Arnon Grünberg: Gnadenfrist

02.05.2006

Tragik einer Liebe
Es gibt Menschen, die haben sich in ihrer Innenwelt verkrochen, doch äußerlich scheint alles intakt zu sein. Doch dann geschieht das Unerwartete: Das Feuer der Liebe beginnt zu brennen - die lokale Feuerstätte wird zum Flächenbrand. Arnon Grünbergs neuester Roman reinszeniert eine wohlbekannte Tragödie, sprachlich ausbalanciert und vor neuem Hintergrund, der aber leider unterbelichtet bleibt.

 

Jean Baptist Warnke heißt der Protagonist, um den sich der kurze Roman dreht. Er ist Diplomat, stellvertretender Chef der niederländischen Botschaft in Lima, verheiratet, zwei Kinder, äußerlich erfolgreich, innerlich hohl, gelangweilt und vor allem: ohne Rückrat. Bereits an Warnke macht sich das Apolitische fest, das den gesamten Roman durchzieht und eine unterbelichtete Hintergrundszenerie zur eigentlich (tragischen) Liebes- und letztlich Lebensgeschichte bildet. Und das in einem Land, das von sozialen und politischen Unruhen erschüttert wird – welche diese sind, erfahren wir nicht. Das passt freilich zu Warnke, der sich aus all dem heraushalten möchte, und in seiner abgeschotteten Botschaftswelt scheint dies zunächst auch zu gelingen, bis er Malina, eine hübsche junge Frau, kennen lernt. Erst distanziert, dann immer mehr fasziniert von ihrem Interesse an seiner Person, kommt sein Blut gehörig in Wallung, sodass er schließlich feststellt: „Sein Leben bisher war ein Irrtum.“

Persönliche Tragik – thats it?

Dann kommt der Schock: Rebellen haben beim Neujahrsempfang die japanische Botschaft gestürmt und Geiseln genommen. Später stellt sich heraus, dass Malina unter den Rebellen war und getötet wurde. Und es kommt heraus, dass Warnke für Malina Päckchen verschickt hat – und merkwürdig: ausgerechnet der niederländische Botschafter und sein Stellvertreter waren nicht beim Neujahrsempfang – dafür hatte Malina zuvor gesorgt. Was folgt, ist die Zerstörung von Warnkes Existenz, die in Zustände von Trauer, Wut und Hass mündet. Am Schluss wird er sich sogar für die Rebellen opfern. All dies ist tragisch, wird sehr ausbalanciert erzählt, fast ein wenig zu stromlinienförmig, verfehlt aber nie seine Wirkung. Bedauerlich ist nur, dass die Ideale und Überzeugungen des Protagonisten und insbesondere die Malinas völlig im Dunkeln bleiben, wodurch der Roman zwar immer noch interessieren mag, letztlich aber geradezu unheimlich blutleer bleiben muss.

Frank Kaufmann


Arnon Grünberg: Gnadenfrist.
Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten
Diogenes Verlag 2006, 154 S., 17,90 Euro.
ISBN 3-257-86132-x

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