Norbert Zähringer: Als ich schlief
08.05.2006
„Schrödingers Katze“ auf der Spur
Dass Norbert Zähringer ein versierter Erzähler ist, hat er bereits mit seinem 2001 erschienenen Debütroman „So“ unter Beweis gestellt. Nun hat der 1967 in Stuttgart geborene Autor nachgelegt: „Als ich schlief“ lautet der Titel seines neuen Romans, dessen anspielungsreiche Handlungsstränge enger miteinander verbunden sind, als es zunächst scheint. Die Erzählinstanz stellt Leserinnen und Leser immer wieder vor besondere Herausforderungen, die den Roman – dies sei vorab bemerkt – zu einer so kurzweiligen wie spannenden Lektüre machen.
1985 fällt beim Landeanflug auf West-Berlin der Flüchtlingsjunge Ismael aus dem Fahrwerkschacht eines Düsenjets und überlebt. In den USA liest ein Wissenschaftler in der Zeitung von diesem Ereignis und interessiert sich für den Fall – aus furchtbaren Gründen, wie sich später herausstellen wird. Ein weiterer Mann verliert im Zuge einer Demonstration das Bewusstsein und wacht nicht wieder auf. Erzählt werden die Geschichten und Episoden mit ihren Hintergründen und Zusammenhängen gewissermaßen aus dem Koma heraus.
Die einzelnen Stränge formen sich zu einem vielschichtigen Roman, der immer wieder um Fragen des Verhältnisses von Realität, Fiktion und Wahrnehmung und damit auch des Erzählens selbst kreist: „Was, wenn mein ganzes vermeintliches Leben dieser Traum ist, alles Lüge, alles Schwindel, selbst Sie, die Sie dies jetzt lesen und bislang glaubten, ich sei ein Teil Ihrer Fiktion, sind dann ein Teil meiner Phantasie“, heißt es an einer Stelle. Ein Schlüssel zum Verständnis des Buches mag in dem mehrfach thematisierten Gedankenexperiment mit „Schrödingers Katze“ liegen:
„Der Physiker Erwin Schrödinger hatte sich einst ein Experiment mit einer Katze ausgedacht [...], das die paradoxen Eigenarten des Überlagerungszustands in der Quantenphysik veranschaulichen sollte. Kurz und grob beschrieben, funktioniert es so: Schrödingers Katze wird in eine Kiste gesperrt, zusammen mit einer radioaktiven Substanz. Die Wahrscheinlichkeit, dass die radioaktive Substanz innerhalb einer Stunde zerfällt, beträgt fünfzig Prozent. Zerfällt sie, löst das einen Mechanismus aus, der die Katze tötet. Über Zerfall und Nichtzerfall des Atoms lassen sich aber keine genauen Vorhersagen machen, das heißt, das Atom befindet sich in einem Zustand der Überlagerung, der so genannten Superposition, die es einem Teilchen nach der Quantenmechanik ermöglicht, an zwei Positionen gleichzeitig zu sein, zwei Zustände gleichzeitig einzunehmen. In diesem Fall ist es gleichzeitig zerfallen und nicht zerfallen. Da das Leben der Katze vom Zustand des Atoms abhängt, befindet sie sich ebenfalls in einem Zustand der Überlagerung, das heißt, sie ist gleichzeitig tot und nicht tot. Nach der „Kopenhagener Deutung“ wird dieser Zustand erst aufgehoben, wenn ein „bewusster Beobachter“ hinzutritt, also jemand die Kiste öffnet ...“
„Als ich schlief“ ist reich an Witz, grandiosen Einfällen, Zufällen und skurrilen Figuren: Joseph Hutzinger, Erfinder des „Schnitzel on a stick“ und Autor des Bestsellers „Reich und glücklich in sechs Tagen“, oder die feministische WG-Vermieterin Miss Ellie sind nur zwei Beispiele hierfür. So komisch viele Figuren zunächst wirken mögen – sie werden auch in ihrer teilweise äußerst gefährlichen Beschränkt- bzw. Besessenheit vorgeführt. „Als ich schlief“ ist damit zugleich ein Buch über Macht, Instrumentalisierung und Manipulation sowie deren mediale Tradierung.
Frank Thomas Grub
Norbert Zähringer: Als ich schlief. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. Gebunden. 288 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-498-07665-5