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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:27

 

Boris Vian: Ich werde auf euere Gräber spucken

15.05.2006

Der Neger, der Sex und die höheren Töchter

Boris Vians rasanter und genau kalkulierter Roman über Sex, Crime und den menschlichen Makel – gekonnt, vulgär, brutal und jetzt als Taschenbuch „für eine Sommernacht“.

 

Boris Vian wettete, innerhalb von zwei Wochen einen fulminanten, amerikanischen Roman zu schreiben; er gewann die Wette: 1946 publizierte er „Ich werde auf euere Gräber spucken“, unter dem Namen Vernon Sullivan, gab sich als Übersetzer aus und landete den größten Erfolg seines Lebens.
Ein amerikanischer Roman, das heißt hier, wie das Vorwort von Vian sagt, ein Kriminalroman mit bis zum „Sadismus“ neigender, und deshalb „realistischer“ Brutalität und einer an Henry Miller erinnernden Thematisierung des Sexuellen.
Letzteres ist schon inhaltlich nicht zutreffend. Der vitalistische Impuls des Sexuellen, seine lebensphilosophische Überhöhung, wie sie etwa in Millers „Sexus“ und im „Opus Pistorum“ zu finden ist, fehlen hier ebenso wie das kunsttheoretische Bezugsfeld, das Miller um den phallischen Nukleus seines Schaffens zieht. Vian zeigt dagegen genüssliche Pornographie als literarisches Motiv mit politischer Spitze.

Genüssliche Pornographie mit politischer Botschaft
Das Sexuelle in Vians Roman ist durch den die Handlung leitenden Rachgedanken motiviert und überdies ein, aus den Vorlagen übernommenes Element, ohne freilich ein bloßes Zitat zu sein. Der Ehrgeiz Vians zielt vielmehr darauf, wie er im Vorwort über Sullivan schreibt, „weniger durch den Gebrauch des kruden Wortes als durch Wendungen und Satzkonstruktionen anzudeuten“ und nähert sich in dieser Hinsicht eher der erotischen Tradition der romanischen Länder. Das stimmt zuweilen und zunehmend. Man merkt gerade hierin, wie sich Vian in seine Anverwandlung des Genres hineinschreibt. Die ersten Schilderungen der sexuellen Intermezzi des weiß-aussehenden Schwarzen Sullivan mit den rassistischen und nymphomanen Töchtern einer südlichen amerikanischen Kleinstadt, – das ist eigentlich eine groteske Figuration – erinnert stilistisch noch stark an das Vorbild Miller: „Ich hörte nicht auf ihre Proteste und packte sie von hinten wie ein Tier. Sie ließ das Kissen los und ließ alles mit sich machen. Ich hätte sogar eine Vogelscheuche genommen.“ Fortlaufend werden die Satzkonstruktionen dann komplizierter und die Stellungen weniger eindeutig – freilich nicht allzu sehr: „Schließlich wagte sie nicht, alles im Hellen zu machen. Sie ist zurückgekommen und ich dachte, sie wolle wieder anfangen, aber sie hat sich über mich gebeugt, hat mich betastet. Ich war immer noch in der gleichen Stellung und sie hat sich bäuchlings auf meine Schulter gelegt, in umgekehrter Richtung, und an Stelle ihrer Hand war da jetzt ihr Mund.“

Reizvoll komponierter Plot
Den eigentlichen Reiz der Erzählung – wenngleich solche Freizügigkeit weiland die Zensur bewog, den Roman auf den Index zu setzen, weil er geneigt sei, „Jugendliche zur Ausschweifung zu verleiten“ – macht das nicht aus. Der besteht in der genauen Komposition. Der Plot ist dabei recht simpel. Der äußerlich weiße, Schwarze Sullivan freundet sich mit der Kleinstadtjugend an, um sie zu verführen und um des inneren Genusses willen, die Mädchen durch die Penetration durch einen, den sie für minderwertig hielten, wenn sie wüßten, was er ist, zu demütigen. Diese Demütigung ist als Rache für die lange Tradition der Unterdrückung des schwarzen Mannes durch den Weißen in den Vereinigten Staaten geplant. Sie gelingt durch Verführung und diese wiederum gelingt durch das geschickte Wechselspiel aus Reiz und Retardierung, das Sullivan gegenüber den Mädchen anwendet. Höhepunkt dieser Rache ist der Plan zwei höhere Töchter, die Farbige „hassen“ und deren Eltern ihr Geld mit der „Ausbeutung von Schwarzen“ verdienen, zunächst hörig zu machen, sie dann mit der Eröffnung, einem Schwarzen hörig zu sein, zu demütigen und sie daraufhin zu töten.
Dieses Wechselspiel aus Reiz und Retardierung bestimmt dabei auch die Komposition des gesamten Romans. Es ist das langsame Auftauchen des Plans in Sullivan, die zögerliche Enthüllung seiner Gründe, bei gleichzeitiger Forcierung seiner Durchführung. Die von Schiller dem Vergnügen am erhabenen Verbrecher zugeschriebene Freude an der Kunstfertigkeit des bösen Plans wächst Seite um Seite, wie die Spannung angesichts der Frage, ob der Plan gelingen wird. Denn dem, und das ist das zweite Wechselspiel aus Reiz und Verzögerung, steht Sullivan selbst am Stärksten entgegen. Die Süße der Mädchen, die Lust, die Chance, eine der höheren Töchter – sie ist von ihm schwanger – heiraten zu können, all das ist fast zu verlockend, um dies alles dranzugeben für einen Plan, der ihn wie ein böser Geist verfolgt.
Die Maschine aber nimmt ihren Lauf und Sullivans ins Pathologische drängender Rachegedanke feuert sie weiter an. Sie gipfelt in der Ermoderung der Schwestern – einer Orgie aus Sex und Gewalt, die man mit dem Vorwort sadistisch nennen könnte, wenn sie nicht gerade durch die Abwesenheit des rationalen Kalküls bestimmt wäre.
Der animalische, schwarze Körper, Sullivans Verführungswerkzeug, ergeht sich im Auslöschen des Leibes des weißen Mädchens und erfährt dies als lustvolles Aufbäumen der Unterdrückten: „darauf bin ich aufgestanden, um ihr mit Fußtritten den Rest zu geben. Ich habe ihr einen Fuß quer auf die Kehle gesetzt und mich mit meinem ganzen Gewicht draufgestellt. Als sie sich nicht mehr bewegte, habe ich gespürt, daß es mir ein zweites Mal kam.“
Das Ende freilich ist tödlich und seine Schilderung, bei der der Erzähler wechselt, erinnert an den Werther – wo von diesem gesagt wird, kein Sterblicher habe ihn begleitet, heißt es bei Vian: „Die Leute aus dem Dorf hingen ihn trotzdem auf, weil er ein Neger war. Unter seiner Hose entstand an seinem Unterleib noch ein höhnendes Horn.“
Das ist er dann doch wieder, der phallische Nukleus des Schreibens, das Zepter der Rache.

Björn Vedder


Boris Vian, Ich werde auf euere Gräber spucken. Ein amerikanischer Roman von Vernon Sullivan, aus dem Französischen von Eugen Helmlé, Verlag Klaus Wagenbach, 2006, 128 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 3-8031-2540-5

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