Elke Schmitter: Veras Tochter
22.05.2006
Veras Tochter
Wo beginnt ein Roman? Wann endet das Leben eines Romanhelden? Wie weit reicht die Identifikation des Lesers mit einer Hauptfigur, wie weit die des Schriftstellers? Wie verbirgt man die wahre Geschichte seiner Protagonisten? Wer erzählt die Geschichte? Ist sie denn wahrhaftig? Existentielle Fragen der Schriftstellerei, wie auch der Rezeption. Mögliche Antworten zeigen die ganz spezielle Arbeitsweise eines Autors, einer Autorin auf.
In ihrem neuen Roman arbeitet Elke Schmitter mit diesen Schlüsselfragen, in dem sie mit einem Geniestreich die Verbindung zu ihrem Erstlingswerk herstellt. Ein gemutmaßtes Verbrechen bildet die Brücke zwischen beiden Werken. Wer hat den jungen Mann in dieser nebeligen Nacht damals getötet? War es die Mutter von Vera? Ist sie eigentlich Frau Sartorius? Wer ist wer? “Veras Tochter” ist keine Fortsetzung von “Frau Sartorius”. Es ist eine eigenständige Geschichte mit vielen Schichten. Vom Leben, das man führen möchte und auf der Suche nach sich selbst leicht verlieren kann.
Die Romanfigur Vera stolpert über den realen Roman “Frau Sartorius”. Ihr wachsender Verdacht, dass für dessen Hauptfigur, die einen Mann umbrachte, ihre Mutter die Vorlage sein könnte, sorgt für ungeheure Spannung. Bedeutet dies, dass die Mutter Veras Liebhaber ganz bewusst überfahren hat? Der Perspektiv- und Zeitwechsel auf die junge Frau, mit der genauen Schilderung ihres Heranwachsens in den 70ern und 80ern schafft eine völlig andere Atmosphäre, wie diejenige, die Frau Sartorius in den 50ern und 60ern umgibt. Und doch haben sie Berührungspunkte. Hierin spiegelt sich, wie sich der Dialog der Autorin mit ihren Protagonisten verselbstständigt. Was ist wahr? Erliegt man so leicht Täuschungen, weil man im Leben, wie in der Literatur ständig nach Kontinuität sucht und sich zumeist jedenfalls, über ein Wiedererkennen freut? Aber kann man jemals sicher sein? Auch was die eigene Biografie betrifft? Das Leben anderer? Wie ist das für Romanfiguren? Ist es nicht selbstverständlich, dass gut erzählte Figuren ein Eigenleben entwickeln?
Elke Schmitter ist die emotionale Wahrheit ihrer Figuren wichtig. Selbstreflexiv, mit einem cleveren Schachzug die Kritik miteinbeziehend, hat sie in den Roman einen Essay über das Schreiben eingeflochten. Und zwei Frauengestalten geschaffen, die verwandt sein könnten, aber eigentlich Gefangene ihrer Zeit sind. “Veras Tochter” ist eine lebendige und kluge Geschichte, weil sie vom Leben erzählt und vom Schmerz es zu verlieren, aber auch wie Romane und ihre Figuren durchaus ein Eigenleben führen.
Maggie Thieme
Elke Schmitter: Veras Tochter,
Berlin Verlag, 2006, S. 175, 16,00 Euro,
ISBN: 3-8270-0642-2.