Guiseppe Gracia: Santinis Frau
22.05.2006
Liebe und Philosophie in der Twilight-Zone
Ein Keller kann ein Schloss sein. Eine Liebe zu dritt, könnte ... Wir wissen es seit Jules und Jim, über einen längeren Zeitraum gesehen, ist sie unmöglich. Aber Santini brachte immer schon alles durcheinander. Dabei war alles so gut geplant, beide heiraten Sofia, von Santini bekäme sie zwei Kinder und vom Erzähler eines. Aber es wird nichts draus. Sofia verschwindet, Santini heiratet irgendwann. Alles was bleibt, ist eine Geschichte.
Die Geschichte einer Freundschaft dreier Jugendlicher, die im Grenzland ihrer aus Spanien und Italien in die Schweiz eingewanderten Eltern leben. Im Grenzland des Heranwachsens und in der Unbestimmtheit einer unmöglichen Liebe. Die Geschichte bricht sich in mehrfachen Projektionen. Retrospektiv erzählt sie vom Alltag der Arbeitsimmigranten aus dem Süden, die in einer funktionierenden Solidargemeinschaft leben. Für die drei Freunde bedeutet das ganz normale Erfahrungen wie den ersten Kuss, das erste Besäufnis, aber auch eine starke Sehnsucht danach sich anders auszudrücken, einen eigenen Platz im Leben zu finden.Für den Anfang muss das Gadamerhaus herhalten. Das halbverfallene Spukhaus im Viertel ist ein idealer Ort um neue Bilder zu entwerfen. In seinem geheimnisvollen Keller wollen sie einmal das Kino des Viertels einrichten, in dem nur die großartigsten Filme aller Zeiten gezeigt werden sollen. Hier schmieden sie Pläne für ihre Zukunft.
Verlorene Kindheitsträume
In der Gegenwart ist es die neue Generation, die erwachsen ist. Die Gemeinschaft gibt es so nicht mehr. Man lebt individuell, vereinzelt. Die Träume von früher fristen zwischen Wand und der modernen Einrichtung ein kümmerliches Dasein. Das Begehren ist geblieben. Knapp, aber nicht ohne Zärtlichkeit wird die Palette des Absterbens, des sich Einrichtens und des sich Aufbäumens gegen den Tod der Imagination ausgefächert. Wer ist auf den verwackelten Erinnerungsfotos zu sehen? Die Frau in der Mitte, ist sie Santinis Frau? In der Twilight-Zone rund um das Gadamerhaus liegt das Geheimnis.Neubauten können einstürzen wie Träume. Wie damit fertig werden, mit dem Verschwinden realer Leute, der Aussicht auf Liebe, dem Verlust von Träumen? Wir alle müssen für das Verlorene und das Verbotene, für die ungelebten Träume unsere Projektionsräume suchen, im Herzen, im Kino, in Gedanken oder in Büchern.Guiseppe Gracia schreibt eine atmosphärisch dichte Vorlage für einen Film, der die Vorstellungskraft durch Sehkategorien wie Neorealismus, poetischen und phantastischen Film hindurch trägt, aber zwischen präzisen Schilderungen eines Berufalltages mit “Broschürentermindruckneurosen” genug Lücken für die Aufführung eines phantasievollen Films im eigenen Kellertheater lässt.
Maggie Thieme
Guiseppe Gracia: Santinis Frau,
Amman Verlag, Zürich, 2006,
S. 180, 18,90 Euro.
ISBN-10: 3-250-60087-3