Michael Wallner: April in Paris
29.05.2006
Goldfisch im Glas
Die Vorgeschichte dieses schmalen Romans aus der Feder des 47-jährigen Grazers Michael Wallner ist mehr als ungewöhnlich: Im letzten Herbst lag auf der Frankfurter Buchmesse ein ins Englische übersetztes Exposé aus. Und schon ein halbes Jahr bevor "April in Paris" in Deutschland in den Buchhandel gelangte, waren Lizenzen für 17 Übersetzungen verkauft.
Wodurch wurde dieser Run ausgelöst? Was hat dieser Roman anderen Neuerscheinungen voraus? Michael Wallner, bisher als Film- und Theaterregisseur erfolgreicher als mit seinen voran gegangenen Romanen, erzählt eine unkonventionelle Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Soldaten und einer französischen Widerstandskämpferin und bedient damit so ziemlich alle grassierenden Klischees, die über die deutsche Geschichte im Ausland im Speziellen, und über die überdimensionale Kraft der Liebe im Allgemeinen grassieren.
Der Wehrmachtssoldat Roth wird im Sommer 1943 als Übersetzer zur SS abkommandiert. Der Jurastudent, der perfekt französisch spricht, wird Zeuge von brutalen Verhören. Wenn die Dunkelheit Paris einhüllt, wechselt er die Identität, schlüpft in Zivilkleidung und flaniert als Monsieur Antoine durch die Seine-Metropole. Prompt verliebt er sich in Chantal, Tochter eines Buchhändlers und Angehörige der Resistance.
Es ist frappierend, mit welcher Naivität Autor Wallner seinen Protagonisten durch die Handlung hetzt. Beim jungen Roth gibt es keine Zweifel ob der Gefährlichkeit seiner Beziehung. Das Herz dominiert selbst im Krieg über den Kopf. So könnte die simple Essenz dieses Romans lauten.
Frappierende Naivität
Aber es kommt noch viel schlimmer. Roths Liaison wird bekannt, er wird selbst zum Gejagten, entkommt schwer verletzt den schießwütigen SS-Truppen und landet bei einer barmherzigen Hausmeisterin (selbstverständlich eine ehemalige Krankenschwester!), die drei Monate lang seinen Oberschenkelbruch behandelt. Als er sich erholt hat, bricht er auf, um die geliebte Chantal zu suchen. Sein Weg führt ihn Richtung Normandie, wohin deren Familie geflüchtet ist. Dort wird er mit Argwohn aufgenommen und erfährt, dass Chantal und neun Verwandte von deutschen Soldaten ermordet wurden. Er ist zu spät gekommen, es ist April 1944, und die Landung der alliierten Truppen steht bevor. Am Ende schaukelt Roth (Monsieur Antoine) ein Baby in seinen Armen, ein Mädchen namens Antoinette - Chantals Tochter. Eine zwar unterhaltsame Herz-Schmerz-Geschichte, in der stark auf cineastische Effekte gesetzt wird, aber das Schielen nach dem Publikumsgeschmack zu sehr in den Vordergrund gerät. Große Emotionen, eine unglückliche Liebe in harten Kriegszeiten, das kann der Stoff für einen Bestseller sein und schreit förmlich nach einer filmischen Umsetzung. Dabei werden dann auch sprachliche Trivialitäten kaum noch stören: Als sich Roth auf der Flucht vor seinen Häschern befindet, "fraß er die Straße unter den Sohlen", und der SS-Hauptsturmführer Leibold, ein homosexueller Sadist, ließ den Protagonisten "wie einen Goldfisch im Glas schwimmen."
Das sind nicht die sprachlichen Zutaten für ein literarisches Fünf-Sterne-Menü; die Zeiten ändern sich, und in der Gastronomie haben die Fast-Food-Ketten schon einen großen Marktanteil erobert. Zum Cheeseburger reichen wir also nun "April in Paris".
Peter Mohr
Michael Wallner: April in Paris. Roman. Luchterhand Verlag, München 2006, 239 Seiten, 19,95 Euro (SFR 35. ISBN: 3630872212