Martino Gozzi: Einmal Mia
05.06.2006
Einmal Mia und dann nochmal
Nichts ist so gut wie ein Buch, das gleich zu Beginn überzeugt und daraufhin die bange Grundspannung hervorruft: Wird es so bis zum Schluss bleiben? “Einmal Mia”, oder besser sein Autor Martino Gozzi hält durch und wer mithält wird mit einer sperrig-runden Geschichte belohnt. Und nicht nur das: Der schmale Band in Pink überrascht und hält Leser wie Leserin mit seiner zarten Explosivität in Atem.
Mia, Hauptfigur und treibende Kraft dieser Geschichte könnte eine entfernte italienische Verwandte von Capotes Holly Golightly aus „Frühstück bei Tiffany`s“sein. Gleichzeitig behutsam und radikal, liebenswert, aber auch ungeheuer trotzig. Diese gegensätzlichen Eigenschaften führen dazu, dass Mia eines Tages beschließt aus ihrem Leben mit Amos auszusteigen und einem Traum zu folgen. Frühmorgens öffnet sie die Gasleitungen ihrer Wohnung, in der ihr Geliebter nichts ahnend schlummert, verschließt sorgsam die Tür und macht sich in ihrem knallrosa Käfer auf die Suche nach dem geheimnisvollen LeRoy Williams und seinem betörenden Gesang.
Märchenhaftes Road Movie
Immer wieder auf Mias Reise, bei ihren unerwarteten Begegnungen und natürlich am Ende spielt Musik eine Rolle. Sie transportiert die Sehnsucht, Bewegung und das Verlangen nach Freiheit und Vergebung. Und Martino Gozzi findet die Bilder dafür. Der Frage, woher die Wellen des Meeres kommen, steht die Frage gegenüber, wohin die Schallwellen der Musik gehen. Manche Menschen können wohl nichts dagegen tun, sie speichern all diese emotionsgespickten Wellen. Mia hat jedoch eine andere herausragende Eigenschaft, sie verliert Musik. Zart sickert sie aus ihr heraus oder fließt in großen akustischen Fluten um sie herum.
Man kann in diesem Road-Movie-Märchen viele Anklänge finden. Eine Kerouac-Hommage, eine Allegorie der europäischen Auswanderer, die den Traum vom besseren Leben jenseits des Ozeans suchten, der Hippies, die auf ihren Wanderungen von einem Festival zum nächsten, die Musik als den Ausgangspunkt eines besseren Lebens träumten. Man kann sich von philosophischen Wellen bewegen lassen, musikalische Anspielungen enträtseln oder einfach nur mit Mia reisen und auf den richtigen Punkt des Ankommens warten.
“Eine kleine Traurigkeit”, so wie sie im Souvenirladen auf Mias Reise verkauft wird, liegt eingewickelt zwischen den Seiten. Hat man sie ausgepackt, erwartet einen ein großes Vergnügen. Eine Explosion in Pink. Ein leichter, luftiger und köstlicher Genuss, den man zum Frühstück, zum Abendbrot oder zwischen durch zu sich nehmen kann. Bei Tiffany, am Strand oder im Bett.
Maggie Thieme
Martino Gozzi: Einmal Mia. Aus dem Italienischen von Suse Vetterlein, Wagenbach Taschenbuch, 2006, 91 Seiten, 9,90 Euro. ISBN- 10: 3 8031 2535 9