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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:31

 

Julien Green: Fremdling auf Erden

10.07.2006

Katholische Schuldorgien

Der früh zum Katholizismus konvertierte Franko-Amerikaner Julien Green (1900-1998) wurde in seiner außerordentlich langen und erfolgreichen Karriere zu einem der faszinierendsten Erzähler des 20. Jahrhundert. Seine erste Erzählsammlung liegt nun in einer Neu-Übersetzung vor und zieht als ein Panorama von Schuld, Angst und unausprechlichen Sünden am Leser vorbei.

 

Der Vergleich liegt nahe, drum sei er auch gleich zu Beginn gemacht, um ihn ein für allemal aus dem Weg zu räumen: der frühe Green liest sich wie Kafka, weil er seine Protagonisten nicht weniger systematisch isoliert und einsperrt in einer stillen Welt, in der niemand auch nur zu flüstern wagt – bis dann schließlich das Unaussprechliche geschieht und heraus bricht. Greens Figuren sind jung, versponnen und subtil darum bemüht, nicht anzuecken und aufzufallen. Das gelingt natürlich nie, und sei es nur, weil über jedem ihrer Schritte eine dunkle Unausweichlichkeit liegt, ein dunkles moralisches Dilemma, das früher oder später ins Verderben oder spezifischer: zur Sünde, führt. Isoliert sind sie Charaktere dabei nicht nur, weil der Erzähler sie ganz und gar in Ruhe lässt - da gibt es keine Wertungen, keine externe moralische Instanz, die irgendeine Richtung weisen oder eine helfende Hand austrecken könnte. Sie leben auch völlig zurück gezogen und sind bestenfalls flüchtig in ein soziales Netz eingebunden.

Isolierte Charaktere
Das gilt gerade für Daniel O’ Donovan, den namensgebenden „Fremdling auf Erden“, den Green als Protagonisten auf die Reise schickt. Aufgewachsen bei einer plappernden Tante und einem kontaktgestörten o­nkel („Mein o­nkel kümmerte sich nie um mich.“), drückt ihm der Vater seiner Tante eines Tages ein Bündel Geld in die Hand, mit dem der Jugendliche sein erstes Jahr am naheliegenden College in Fairfax bestreiten soll. Aus Pflichtgefühl nimmt er Geld und Bestimmungszweck an, mietet sich in Fairfax ein und wird wenige Wochen später unter ungeklärten Umständen tot aufgefunden. Mitleid zeigt niemand, am allerwenigsten seine Hauswirtin, die froh ist, den unheimlichen Gast aus dem Haus zu haben, dessen Blick sie verfolgt, vielleicht weil er „in Hände gefallen ist, die mächtiger sind als unsere. Er ist schon weit, und Sie werden ihn nicht mehr einholen.“ Ein Exorzist freilich ist nicht von Nöten – der Fremdling auf Erden braucht psychiatrischen Beistand, nicht kirchlichen. Er halluziniert, hat Freunde, die nur er sieht und ist offensichtlich unfähig, eine Verbindung zu seinen Mitmenschen herzustellen. Sein Dilemma wirkt und bedrückt, auch da sein Weg aus verschiedenen Winkeln beleuchtet wird. O’ Donovans eigener Version der Geschichte folgen nach seinem Tod angefertigte Zeugenaussagen von o­nkel, Hauswirtin und Bekannten – in seinen eigenen Worten wirkt er nur verstört, in den Worten der anderen eher gestört, nahezu psychopathisch, ein Ausgestoßener, dessen „früher Tod ein Segen ist“, weil seine Anwesenheit die Gesellschaft nur belastet und verwirrt.


Horror aus der Seele
Nicht viel besser ergeht es den Hauptdarstellern der anderen Erzählungen, die allesamt mit sich selbst kämpfen: sie sind nicht erwünscht und werden durchgehend misstrauisch beäugt. Da werden wüste Mordpläne gewälzt und in allen Details ausgeplant, dann aber nicht ausgeführt, weil ein plötzlicher Todesfall dazwischen kommt („Die Schlüssel des Todes“). Schon Kinder werden durch düster unheilbare Krankheiten und Verrücktheiten stigmatisiert, bis man sie im Dachgeschoss wegschließt („Christine“). Und wenn sich vor Schuldbewusstsein gar kein rechter Schritt mehr tun lässt, sucht man sein Heil eben in der neuen Welt, die in ihrer Neuheit auch Vergebung bereit zu halten scheint („Leviathan“). Diese Zusammenfassungen mögen kurz angebunden sein, sind aber repräsentativ: die Erzählsammlung deprimiert eher, als dass sie Spaß macht, auch wenn Green das Elend seiner Charaktere in feine Prosa packt. In seiner heftig katholischen Moral unterscheidet er sich am nachhaltigsten von Kafka, bei dem das Verderben immer verschwommen und isoliert bleiben muss, während die Protagonisten im vorliegenden Band ganz selbstverständlich die Schuld bei sich selbst suchen und in ihren Erzählungen auch Buße tun. Horror kommt, das weiß man seit Poe, nicht aus Deutschland, sondern aus der Seele, und die wird hier mit jedem erzählerischem Schritt offen gelegt: schonungslos, verstörend und schön.

Daniel J. Gall


Julien Green: Fremdling auf Erden. München: Carl Hanser Verlag, 2006, Geb., 180 S., 17,90 Euro. ISBN: 3446207376

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