Kennzeichen T - 25.05.2012 Thomas Kistner: Fifa-Mafia Men in Black 3 - jetzt im Kino! TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 20:32

 

Hélène Duffau: Schrei!

07.08.2006


Schmecken macht glücklich

Die jungen Französinnen melden sich wieder zu Wort. Das 2005 in Deutsch erschienene Romandebüt „Schrei!“ der Französin Hélène Duffau erzählt von dem Leben einer Frau nach einer Vergewaltigung und wie sie es anstellt, sich ihr Lebenselixier zu beschaffen.

 

Der Titel des Originals, Trauma, sagt alles. Er beschreibt mit einem Wort den Zustand der Protagonistin, einer Frau ohne Namen, die mehrfach vergewaltigt wurde. Wie sie danach ihr Leben organisiert, davon handelt das schmale und schlichte weiß eingebundene Buch. „Vor allen Dingen lebe ich“, sagt sie an einer Stelle, worin sich der ihr eigene schiere Existenzwille offenbart. In dieser Existenz hat es keine Bedeutung mehr warum, wie und mit wem man lebt, sondern allein dass es so ist, und dafür kämpft sie. Die Vergewaltigung selbst und die näheren Umstände werden weitgehend ausgeblendet, ein raumzeitliches Gerüst fehlt. Die Frau führt ein vollkommen zurückgezogenes und einsames Leben, das sie in einen Vier-Wochen-Rhythmus presst, an den sie sich penibel hält. An einem Tag wird ausgegangen, am anderen zum Frisör, am dritten eingekauft. Am meisten Zeit verbringt sie allerdings mit der Beschaffung ihrer Überlebensdroge: Sperma.

Ein ritueller Akt

Von traumatisierten Menschen ist das Ausblenden grausamer und verletzender Erlebnisse, das Verdrängen von Gesichtern und Namen bekannt. Was der Frau widerfuhr, ist mithin das Schlimmste, was einer Frau passieren kann. Was die Einzelne daraus für sich für Hilfen und Konsequenzen ableitet, ist in diesem Fall ein ritueller Akt, der für den Leser kaum Aussicht auf Besserung verspricht. Er steht als große Indiskretion im Raum, der sich nicht darum kümmert, einen Bezug zur Realität herzustellen und schlicht eine Zumutung ist. Die Frau trifft in einem extra dafür angemieteten Zimmer Männer und führt Buch über ihren Geschmack und Geruch. Das Ergebnis ihres Beischlafs tütet sie ein und konserviert es, um es später, nämlich immer in der dritten Woche eines Monats, zu goutieren: „Legte ein schönes Gedeck auf. Speiste wie eine Königin.“ Das Sammeln und Schmecken von Samen ist ihr Lebenselixier geworden: „Ich brauche diese Substanz, von der ich in der nächsten Woche zehre.“

Übertriebener Wille zur Form

Es scheint, dass die Frau eine Sprache für ihre Verfassung gefunden hat. Es ist eine Sprache der Wut, des Hasses, der Selbstaggression, aber auch der Sehnsucht und Milde, die sie gepresst, atemlos, in einzelnen Worten stammelnd einem unsichtbaren Zuhörer entgegenschleudert. Die Sätze sind kurz und knapp, stark in der Wahl ihrer Substantive und Verben, schwach in der Wahl ihrer Adjektive. Im Grunde sind es cleane, blutleere Sätze, deren apodiktischer Charakter aus jedem einen Satz macht, hinter dem ein Punktum stehen könnte. Sie korrespondieren im Übrigen mit dem physischen Bedürfnis der Frau nach Reinlichkeit. In dem Monotonen ihres Lamentos steckt schließlich ein übertriebener Wille zur Form. Es wird viel gesagt und doch nichts. Für das Geschehene hat die Frau keine Sprache, sie gewinnt dadurch so wenig Kontur wie ihr gesamtes Dasein, ihre Worte hallen von den weißen Wänden ihres Zuhauses wider.
„Schrei!“ ist dennoch kein schaler Abgesang auf eine Lebenshungrige mit fragwürdiger Sammelleidenschaft, sondern es geht um eine Frau, die zutiefst verletzt wurde, es aber trotz der Wucht und der Dichte ihres Monologs nicht schafft, über ihre empfundene Pein hinauszuwachsen. Es bleibt bei einer Nabelschau.

Senta Wagner


Hélène Duffau: Schrei!. Roman aus dem Französischen von Brigitte Große. Eichborn Verlag 2005. 113 Seiten. 15,90 Euro. ISBN 3-8218-5741-2

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...