Hélène Duffau: Schrei!
07.08.2006
Schmecken macht glücklich
Die jungen Französinnen melden sich wieder zu Wort. Das 2005 in Deutsch erschienene Romandebüt „Schrei!“ der Französin Hélène Duffau erzählt von dem Leben einer Frau nach einer Vergewaltigung und wie sie es anstellt, sich ihr Lebenselixier zu beschaffen.
Der Titel des Originals, Trauma, sagt alles. Er beschreibt mit einem Wort den Zustand der Protagonistin, einer Frau ohne Namen, die mehrfach vergewaltigt wurde. Wie sie danach ihr Leben organisiert, davon handelt das schmale und schlichte weiß eingebundene Buch. „Vor allen Dingen lebe ich“, sagt sie an einer Stelle, worin sich der ihr eigene schiere Existenzwille offenbart. In dieser Existenz hat es keine Bedeutung mehr warum, wie und mit wem man lebt, sondern allein dass es so ist, und dafür kämpft sie. Die Vergewaltigung selbst und die näheren Umstände werden weitgehend ausgeblendet, ein raumzeitliches Gerüst fehlt. Die Frau führt ein vollkommen zurückgezogenes und einsames Leben, das sie in einen Vier-Wochen-Rhythmus presst, an den sie sich penibel hält. An einem Tag wird ausgegangen, am anderen zum Frisör, am dritten eingekauft. Am meisten Zeit verbringt sie allerdings mit der Beschaffung ihrer Überlebensdroge: Sperma.
Ein ritueller Akt
Von traumatisierten Menschen ist das Ausblenden grausamer und verletzender Erlebnisse, das Verdrängen von Gesichtern und Namen bekannt. Was der Frau widerfuhr, ist mithin das Schlimmste, was einer Frau passieren kann. Was die Einzelne daraus für sich für Hilfen und Konsequenzen ableitet, ist in diesem Fall ein ritueller Akt, der für den Leser kaum Aussicht auf Besserung verspricht. Er steht als große Indiskretion im Raum, der sich nicht darum kümmert, einen Bezug zur Realität herzustellen und schlicht eine Zumutung ist. Die Frau trifft in einem extra dafür angemieteten Zimmer Männer und führt Buch über ihren Geschmack und Geruch. Das Ergebnis ihres Beischlafs tütet sie ein und konserviert es, um es später, nämlich immer in der dritten Woche eines Monats, zu goutieren: „Legte ein schönes Gedeck auf. Speiste wie eine Königin.“ Das Sammeln und Schmecken von Samen ist ihr Lebenselixier geworden: „Ich brauche diese Substanz, von der ich in der nächsten Woche zehre.“
Übertriebener Wille zur Form
Es scheint, dass die Frau eine Sprache für ihre Verfassung gefunden hat. Es ist eine Sprache der Wut, des Hasses, der Selbstaggression, aber auch der Sehnsucht und Milde, die sie gepresst, atemlos, in einzelnen Worten stammelnd einem unsichtbaren Zuhörer entgegenschleudert. Die Sätze sind kurz und knapp, stark in der Wahl ihrer Substantive und Verben, schwach in der Wahl ihrer Adjektive. Im Grunde sind es cleane, blutleere Sätze, deren apodiktischer Charakter aus jedem einen Satz macht, hinter dem ein Punktum stehen könnte. Sie korrespondieren im Übrigen mit dem physischen Bedürfnis der Frau nach Reinlichkeit. In dem Monotonen ihres Lamentos steckt schließlich ein übertriebener Wille zur Form. Es wird viel gesagt und doch nichts. Für das Geschehene hat die Frau keine Sprache, sie gewinnt dadurch so wenig Kontur wie ihr gesamtes Dasein, ihre Worte hallen von den weißen Wänden ihres Zuhauses wider.
„Schrei!“ ist dennoch kein schaler Abgesang auf eine Lebenshungrige mit fragwürdiger Sammelleidenschaft, sondern es geht um eine Frau, die zutiefst verletzt wurde, es aber trotz der Wucht und der Dichte ihres Monologs nicht schafft, über ihre empfundene Pein hinauszuwachsen. Es bleibt bei einer Nabelschau.
Senta Wagner
Hélène Duffau: Schrei!. Roman aus dem Französischen von Brigitte Große. Eichborn Verlag 2005. 113 Seiten. 15,90 Euro. ISBN 3-8218-5741-2