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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:33

 

Barbara Bronnen: Am Ende ein Anfang

14.08.2006


Sich häuten für ein neues Leben

Sehr einfühlsam und voller Lebensweisheit gestaltet Barbara Bronnen die ungewöhnliche Geschichte einer späten Liebe.

 

Eine Liebesgeschichte der ganz besonderen Art: Charlotte und Johannes, 69 und 73 Jahre alt, treffen sich zufällig nach dreißig Jahren auf einem Bahnhof und reisen dann in verschiedene Richtungen weiter. Was dem intensiven und schicksalsträchtigen Augenblick folgt, ist ein langer, das kleine, wunderschöne Buch dominierender Briefwechsel. Damals waren die beiden ein Paar, eine kurze Zeit, bis die engagierte Fotografin Charlotte ihren Mann Julian kennen lernte, der Jahre später starb. Johannes, früher Verlagsleiter und mittlerweile allein lebend, hatte eine Beziehung zu einer wesentlich jüngeren Frau. „Umsteigebahnhof Hannover... Da standst du, die ich vor dreißig Jahren geliebt habe... und die aufbewahrten Bilder wurden sofort wach.“ Ist ein Neubeginn möglich, gibt es die Chance der ‚späten Liebe’? „Sich häuten, ein neues Leben beginnen?“

Ganz sensibel, sehr einfühlsam und voller Lebensweisheit gestaltet Barbara Bronnen die Annäherung der beiden. Und selbst wenn beide dasselbe wollen und ersehnen, ihre Wege und Befindlichkeiten sind doch so unterschiedlich. „Ich will wiederhaben, was ich einst besaß“, so die feste Absicht von Johannes, voller Leidenschaft und mit geradezu verjüngender, frisch entflammter Verliebtheit. Dagegen steckt Charlotte voller Zweifel und Ängste, ist zurückhaltend, nachdenklich, abwägend. „Ich weiß nicht, ob ich das gleiche will wie Du ... Das Leben liebt keine Wiederholungen.“

Mut, Versäumtes nachzuholen

„Am Ende ein Anfang“ ist ein Buch, das Mut macht und nicht nur, aber sicher umso berührender ist, je mehr Jahrzehnte sein Leser hinter sich hat. Heute, wo Menschen immer älter werden, immer mehr Ehen geschieden werden, gemeinsames Leben längst nicht mehr in den Strukturen verläuft wie früher, Lebenswege nicht mehr so kalkulierbar sind, kommt dieses Buch gerade recht: es gibt Kraft nie aufzuhören, vielleicht doch noch das zu tun, was man als verpasst ansieht, Vergessenes wach zu rufen, Erinnerungen lebendig werden zu lassen. Barbara Bronnen geht aber weiter, als das Thema der späten Liebe nur auf die zwei Menschen Charlotte und Johannes zu begrenzen, sie gibt vielmehr eine Fülle an Stichworten, die Stoff zum Nachdenken geben: „Heute sterben unsere Eltern wenn wir uns schon dem Verwelken nähern und so fällt uns mit Wucht die Melancholie an über das Unerreichte, das nicht mehr Erreichbare und wir fühlen, dass uns kaum Zeit bleibt, die Trauer zu vollenden, schlimmer noch: sie kehrt sich in Selbsttrauer um, da wir bald im gleichen Schlamassel stecken.“

Das Alter miteinander teilen

Die persönlichen, intimen Briefe gestaltet die Autorin sehr differenziert: zwei Charaktere so ganz unterschiedlicher Art kristallisieren sich sehr überzeugend heraus. Von viel Geschick und Gespür zeugt es, als Mittel der Kommunikation den Brief zu wählen, da bleibt noch anfängliche Distanz erhalten, dennoch entfaltet sich eine starke Nähe, nicht nur zwischen den Zeilen. Ehrlich sind die Zeilen, und der Wunsch „das Alter miteinander zu teilen“ wird immer wieder unterbrochen von Rückziehern, die von ängstlich bis zynisch reichen. „Willst du nicht auf deine einigermaßen knusprige, gerontophile Vierzigjährige zurückgreifen?“ Da ist die Zeit „wilder Verluste“, die Falten und Narben und die Erkenntnis: „Wir werden immer langsamer und brauchen für alles mehr Zeit, haben aber immer weniger.“ Da ist der Körper, der nicht mehr jung ist, aber auch die immer wieder aufkeimende Hoffnung: „Vielleicht ist der Rest unseres Lebens unser ganzes Leben.“ Ein kleines Buch mit großem Tiefgang.

Barbara Wegmann


Barbara Bronnen: Am Ende ein Anfang. Roman. Verlag Arche 2006. Hardcover. 176 Seiten. 18,00 Euro. ISBN: 3-7160-2359-0

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